Von Zeit zu Zeit nimmt Lamborghini seinen jeweils neuesten V12-Supersportwagen, verpasst ihm eine markantere Karosserie und verkauft eine kleine Stückzahl an seine leidenschaftlichsten Sammler. Manchmal führen diese Kleinserien auch neue Technik ein, etwa die digitalen Instrumente des Reventón oder den leicht elektrifizierten Zusatzschub des Sián.
Der jüngste Vertreter dieser Reihe heißt Fenomeno. Sein Namensgeber ist ein mexikanischer Kampfstier, der so tapfer und unnachgiebig war, dass er „seine Freiheit gewann“. Der Fenomeno ist schlicht der schnellste und stärkste straßenzugelassene Lamborghini aller Zeiten.
Lamborghini Fenomeno: V12 und Hybridantrieb
Mit 1.065 britischen PS, umgerechnet rund 1.080 PS, und einer Zeit von 2,4 Sekunden für den Sprint von 0 auf 100 km/h – mit optionalen Rennstreckenreifen mit besonders viel Grip – darf er sich vor dem Revuelto mit 1.001 britischen PS, rund 1.015 PS, zum König der Lamborghinis erklären. Auf diesem Modell basiert er auch. Diskussionsstoff liefert die Tatsache, dass nur 10 britische PS der Mehrleistung aus dem überarbeiteten 6,5-Liter-V12 stammen. Die Lamborghini-Ingenieure räumen ein, dass dieser Zuwachs nur schwer zu erreichen war: Der Motor dreht bereits bis 9.500 U/min und muss zugleich die weltweiten Abgasvorschriften erfüllen.
Den größeren Teil der zusätzlichen Arbeit übernimmt deshalb die elektrische Antriebshälfte. Drei Elektromotoren leisten zusammen 242 britische PS, also 50 britische PS mehr als das Hybridsystem des Revuelto. Möglich macht das eine neue Batterie mit 7 kWh: Sie ist genauso groß und etwas schwerer als die Zellen im Revuelto, bietet aber die doppelte Kapazität. Die größere Energiereserve erlaubt den Motoren also eine höhere Leistungsabgabe. Wissenschaft eben.
Damit das limitierte Sondermodell nicht schwerer wird als das Basisfahrzeug, verwarf Lamborghini die übliche Karosserie des Revuelto und begann mit Kohlefaser noch einmal von vorn – ähnlich wie beim Sesto Elemento mit V10 aus dem Jahr 2010. Das gleicht die schwerere Batterie aus: Laut Lamborghini erreicht der Fenomeno damit das Trockengewicht des Revuelto von 1.770 kg und zugleich das bisher beste Leistungsgewicht eines Lamborghinis.
Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei über 350 km/h. Für 0 auf 200 km/h vergehen 6,7 Sekunden, sofern man die kleineren Felgen mit den griffigsten Reifen von Bridgestone bestellt. Serienmäßig sind die vom Reventón inspirierten Felgen in 21/22 Zoll mit Zentralverschluss montiert.
Karosserie und Aerodynamik des Fenomeno
Genug der technischen Einzelheiten: Hier steht ein mächtiger V12-Lamborghini, von dem nur 30 Exemplare gebaut und 29 verkauft werden. Eines bleibt im Museum des Werks. Wer nicht gerade im dortigen Souvenirshop arbeitet, wird also kaum täglich einen sehen. Umso besser, wenn man sich sein Aussehen hier in Ruhe ansieht.
Vom Revuelto sind nur die Glasscheiben geblieben, alles andere ist neu. Der Fenomeno ist breiter und länger, vor allem am Heck läuft die Karosserie zu einem ausgeprägten Langheck aus. An der Front leitet ein S-Kanal Luft durch die Motorhaube und erzeugt so Abtrieb. Hinten trägt ein aktiver Flügel mit drei Positionen dazu bei, 30 Prozent mehr Abtrieb als beim Revuelto zu erzeugen. Sämtliche vom Countach inspirierten Lufteinlässe, Kanäle und Öffnungen erfüllen eine Funktion: Die Ingenieure berichten, dass die stärkere Batterie bei der Kühlung Kopfzerbrechen bereitete. Eine Lufthutze auf dem Dach und der vollständig freiliegende Motorraum versorgen den V12 unterdessen reichlich mit Frischluft.
Die überdachten Scheinwerfer wirken bedrohlich, die großen, spinnenartigen LED-Tagfahrlichter des Revuelto sind dagegen verschwunden. Senkrechte Rückleuchten sind für einen Lamborghini ungewöhnlich, während sich der weitgehend freiliegende Hinterreifen rasch zu einem Markenzeichen des Herstellers entwickelt. Und erst dieser Auspuff: Durch seine Öffnung könnte man eine ganze Pizzaschachtel schieben.
Innenraum, Bremsen und Fahrwerk
Im Innenraum erinnert vieles stärker an den serienmäßigen Revuelto. Neue Türverkleidungen aus Kohlefaser weisen allerdings auf das Leichtbauziel hin, während das Armaturenbrett laut den Designern „außerirdischer“ aussehen soll. Hoffentlich eher freundlich außerirdisch und nicht wie jene Wesen, die die Erde erobern wollen.
Für alle, die noch dabei sind, folgen zwei weitere Details für Technikfans. Der Fenomeno ist der erste straßenzugelassene Lamborghini mit CCM-R-Bremsen. Dahinter stehen im Wesentlichen Carbon-Keramik-Bremsscheiben der nächsten Generation, die länger halten und mehr Reibung erzeugen als bisher. Die Besitzer werden begeistert sein, beim Verschleiß der Scheiben ein paar Euro zu sparen.
Außerdem hat Lamborghini die adaptiven Dämpfer des Revuelto verworfen und ein manuell einstellbares Fahrwerk eingebaut. Das spart Gewicht, setzt aber auch ein Zeichen: Der Fenomeno soll ein einfacheres Fahrerlebnis alter Schule bieten. Er lässt sich für die Rennstrecke abstimmen und dort wild um den Kurs jagen, aber ebenso für die Straße genau auf die Vorlieben seines Besitzers einstellen.
Eine nette Idee, wäre da nicht das, was man über den durchschnittlichen Besitzer eines solchen Lamborghini-Sondermodells hört: Er fährt seinen äußerst seltenen Wagen weniger als rund 1.600 km im Jahr. Da fällt ihm der Unterschied möglicherweise nie auf, geschweige denn, dass er zum Schraubenschlüssel greift.
Die wichtigste Aufgabe des Fenomeno ist es also, nun ja, phänomenal zu klingen. Und spektakulär auszusehen. Wieder ein Auto fürs Poster im Schlafzimmer. Der Preis? Millionen. Aber das spielt keine Rolle, denn alle Exemplare sind bereits verkauft. Ob man sich stattdessen das Poster kaufen sollte?






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