Wir haben bereits festgestellt, dass der Jaguar XJ den Innenraum des Jahres hat. Hier zu sitzen, ist ein Vergnügen: Der Blick wandert über die wie von Zauberhand animierten virtuellen Instrumente, zu den Lüftungsdüsen und der Uhr, die wie eine kleine Obstschale auf dem Armaturenbrett sitzen, weiter über das weiche Leder mit seinen sorgfältig ausgeführten, üppigen Nähten, das konstruktiv wirkende Holz und die verträumte blaue Beleuchtung. Dazu kommt das Gefühl, dass hier jeder Aufenthalt ein Ereignis ist – und sogar eine Prise Humor. Das ist alles schön und gut, doch Autos sind zum Fahren da. Könnte der XJ unterwegs genauso gut sein wie im Stand?
Der Jaguar XJ auf den ersten Metern
Das erste Urteil lässt diese Vorstellung wie reine Fantasie erscheinen. Gerade hat man mich in einem XJ abgeholt. Im Zentrum von Paris ist viel Verkehr, und weil wir zu dritt sind, lasse ich mich hinten nieder. Nach gerade einmal 45 Metern bin ich verärgert. Wieder eine dieser großen Limousinen, deren Federung man gestrafft hat, weil sie sportlich sein soll. Wie unsinnig, denke ich. Wer ein sportliches Auto möchte, sollte keine große Limousine kaufen.
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Wenn ich nun schon hier hinten sitze, kann ich es mir aber auch bequem machen. Zum Ausstrecken gibt es reichlich Platz – schließlich ist es die Version mit langem Radstand. Außerdem komme ich gerade von einer Fahrt mit besonders kalten öffentlichen Verkehrsmitteln. Also stelle ich die Sitzheizung auf volle Leistung, drehe die Temperatur der hinteren Lüftungsdüsen hoch und richte den Luftstrom auf mich. Die Stereoanlage von B&W ist mehr als außergewöhnlich. Die Rücksitze umschmeicheln meinen müden Körper, obwohl sie gar nicht besonders weich gepolstert sind: Damit in diesem schwungvoll gezeichneten Wagen ausreichend Kopffreiheit bleibt, sind sie ausgehöhlt. Und schwungvoll ist er wirklich. Die Menschen in Paris starren ihn fassungslos an und spähen zu mir hinein. Verständlicherweise schließen sie daraus, dass ich jemand Wichtiges sein muss – auch wenn sie damit falschliegen.
Mit zunehmender Geschwindigkeit erscheint mir die Federung weniger problematisch. Wirklich geschmeidig wird sie zwar nie, aber auch nicht schlechter. Wichtiger ist, dass nichts zittert oder bebt, kaum Aufprallgeräusche zu hören sind und Unebenheiten weder hart durchschlagen noch ein Nachschwingen auslösen.
Wie sich der Jaguar XJ auf kurvigen Straßen fährt
Kommen wir zum Wesentlichen: Für diese kontrollierte Straffheit wird man damit belohnt, dass sich der große Jaguar erstaunlich wenig wie ein großes Auto benimmt. Außerhalb der Stadt habe ich das Steuer übernommen. Jetzt schießt der Wagen über einen ausgesprochen schwierigen Straßenabschnitt. Die Fahrbahn ist ungleichmäßig geneigt und wurde öfter geflickt als die Ehe eines Fußballers.
Den Jaguar kümmert das nicht. Er bleibt eben, und die Lenkung wehrt sich nicht. Die Straße wird erst kurvig, dann immer gewundener, schließlich folgen enge Kehren – das Auto macht alles einfach mit. Wenn große Wagen sportlich sein wollen, geraten sie an dieser Stelle gewöhnlich aus dem Tritt. Manche halten sich zwar dank allerlei aufwendiger aktiver Fahrwerke auf der Straße, doch dabei verkrampft sich alles: harte Dämpfung, zitternde Karosserie und das wachsende Gefühl, wie absurd das Ganze ist. Der XJ dagegen bleibt geschmeidig und beweglich. Alles fühlt sich vollkommen natürlich an, als würde er keine besonderen Tricks anwenden – obwohl er das ganz bestimmt tun muss.
Natürlich fährt sich ein Auto seltener wie eine schwerfällige Limousine, wenn es nicht so viel wiegt wie eine. Tatsächlich ist der XJ rund 150 kg leichter als die etablierten deutschen Konkurrenten und sogar leichter als der kleinere XF. Verbindet man dieses schlanke Karosseriegewicht mit einer ziemlich großartigen Motorenpalette, gibt es noch mehr gute Nachrichten.
Die Motoren des Jaguar XJ
Hier handelt es sich um den 5,0-Liter-V8 ohne Aufladung, der im Vorjahr in XJ und XF eingeführt wurde. Er leistet 385 bhp, verfügt über eine umschaltbare Nockenprofilsteuerung, Direkteinspritzung und allerlei weitere technische Feinheiten. Ein wahrhaft erhabener Motor.
Das Drehmoment ist herrlich und steht früh und reichlich zur Verfügung, begleitet vom wunderbar samtigen Klang des V8-Auspuffs. Auch bei höheren Drehzahlen zeigt sich der Motor unbeeindruckt. Von 0 auf 100 km/h geht es in 5,7 Sekunden, und beim Überholen legt er mächtig zu. Noch immer nicht genug? Darüber rangiert ein aufgeladener Motor mit 510 bhp – das ausgezeichnete Triebwerk aus XFR und XJR.
Dann gibt es noch den V6D mit 275 bhp. Für einen Diesel läuft er verblüffend leise. So kultiviert wie der wunderbare V8-Benziner? Natürlich nicht, das wäre zu viel verlangt. Doch angesichts seines reichlichen Drehmoments, der 6,4 Sekunden bis 100 km/h, der Höchstgeschwindigkeit von rund 249 km/h und des offiziellen Verbrauchs von etwa 7,1 l/100 km ist klar, warum sich die meisten für ihn entscheiden dürften.
Zum Abschluss der Fahrt geht es über die Autobahn und zurück ins Stadtzentrum. Bei einem Auto dieser Klasse stehen diese beiden Einsätze schließlich ganz oben im Pflichtenheft; das Austoben auf Landstraßen wird leider immer nur eine reizvolle Nebenbeschäftigung bleiben. Bei hohem Tempo geradeaus ist der XJ mindestens so leise, wie er sein muss. Seine Lenkung arbeitet angenehm mühelos und feinfühlig, sodass man ihn beinahe unbewusst in der Spur hält. In der Stadt fällt seine Größe durchaus auf, doch das sanfte Ansprechen von Gaspedal und Bremsen erleichtert das Vorankommen im Verkehr.
Langsam wie auch verdammt schnell lässt sich der XJ also leicht fahren. Von selbst fährt er allerdings nicht. Dieses Auto mag fortschrittlich sein, besonders bei Motoren, Karosseriekonstruktion und den Anzeigen im Innenraum. Seine Konkurrenten bieten jedoch einiges, worauf es verzichtet: aktive Allradlenkung, Nachtsicht, automatische Spurführung und eine Bremse, die eingreift, wenn man selbst nicht den Mut dazu hat. Die Technik des Jaguar soll dem Fahrer dienen, ihn nicht ersetzen. Und das tut sie wahrhaftig ausgezeichnet.
Mein erstes Urteil war falsch. Der Jaguar XJ ist beim Fahren genauso brillant wie im Stand.






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