Ich habe größten Respekt vor Wegbereitern: vor Autos, die Geschichte neu schreiben wollen und hinter denen ein charismatischer Geschäftsführer mit großen Augen und grenzenlosem Optimismus steht. Doch wie wir nur zu gut wissen, endet das oft wehmütig. Ein Beispiel dafür ist der Vector W8.
Der Vector W8 und sein schwieriger Start
Erdacht wurde der W8 vom inzwischen verstorbenen Gerald Wiegert. Der amerikanische Ingenieur hatte Anfang der 1970er-Jahre in Kalifornien die heute nicht mehr bestehende Marke Vector gegründet. Sein W8 sollte es mit Europas Elite aufnehmen – und zwar ausschließlich damit.
Erste Gestalt nahm die Idee 1978 mit dem Konzeptfahrzeug „W2“ an, aus dem der zweisitzige W8 mit Mittelmotor entstand. Allerdings begann die Produktion erst 1989. In vier Jahren entstanden gerade einmal 17 Serienfahrzeuge, ehe das Projekt scheiterte. Warum?
Da war zunächst der Preis. Vector hatte den W8 mehr als ein Jahrzehnt lang groß angekündigt und ursprünglich einen Verkaufspreis von 225.000 US-Dollar genannt. Als das erste Exemplar auf dem Weg zum Kunden war, lag er bereits bei 450.000 US-Dollar. Inflationsbereinigt entspricht das heute mehr als einer Million Dollar – eine stolze Forderung für ein Unternehmen ohne nachgewiesene Erfolgsgeschichte.
Ein weiteres, wenn auch weniger dringliches Problem waren die teilweise überzogenen Leistungsversprechen. Der 6,0-Liter-V8 mit zwei Turboladern leistete 625 bhp, umgerechnet rund 634 PS. Damit sollte der W8 laut Hersteller in weniger als vier Sekunden auf 100 km/h beschleunigen und eine „theoretische“ Höchstgeschwindigkeit von rund 389 km/h erreichen.
Der aus dem Rennsport stammende Motor kam von General Motors und besaß unter anderem Aluminiumzylinderköpfe, geschmiedete Kolben und Edelstahlventile. Serienmäßig betrug der Ladedruck 8 psi, rund 0,55 bar. Wurde er auf den Grenzwert von 14 psi beziehungsweise rund 0,97 bar erhöht, soll der Motor fast die doppelte Leistung abgegeben haben.
Tatsächlich schaffte der W8 den Sprint auf 100 km/h in weniger als vier Sekunden. Über rund 351 km/h hat ihn jedoch nie jemand gebracht. Das ist natürlich immer noch ein sehr hoher Wert. Trotzdem fragt man sich, was möglich gewesen wäre, hätte Vector die bereits zwei Jahrzehnte alte Dreigangautomatik – ebenfalls von GM – durch ein moderneres Fünf- oder Sechsganggetriebe ersetzt.
Warum der Vector W8 dennoch begeistert
Es gibt also viele Hinweise darauf, dass der W8 hinter seinen Möglichkeiten blieb. Weshalb lohnt es sich trotzdem, ihn zu verteidigen?
Dafür muss ich ins Jahr 2000 zurückgehen: Gran Turismo 2 war gerade erschienen und ich arbeitete mich als Fünfjähriger durch das Spiel, wie es eben ein Fünfjähriger tut. Bald entdeckte ich im Starterfeld ein seltsames, keilförmiges Auto. Sofort klappte mir die Kinnlade herunter: „Was zum Donnerwetter ist das?“
Fast ein Vierteljahrhundert später löst der Anblick des W8 bei mir noch immer dieselbe Begeisterung aus: seine geduckte Karosserie, die geraden Linien, die ausgestellten Radhäuser und die tiefen Lufteinlässe. Dazu kommen die unverwechselbare Einfassung der Rückleuchten, die rechteckigen Auspuffrohre und der gebogene Heckflügel. Zusammen ergeben sie eines der verrücktesten Designs, die je entworfen wurden.
Zwar verfehlte er die angestrebte Höchstgeschwindigkeit. Aber welches andere Auto erreichte Anfang der 1990er-Jahre rund 351 km/h? Der Bugatti EB110 und der Jaguar XJ220 kamen beide nach dem W8 auf den Markt und erreichten maximal rund 341 beziehungsweise 349 km/h. Wäre die Fahrt des W8 offiziell bestätigt worden, hätte er bis zum Erscheinen des McLaren F1 im Jahr 1993 als schnellstes Auto der Welt gegolten.
Luftfahrttechnik und Seltenheit
Auch technisch wollte Vector mit dem W8 neue Wege gehen und griff dafür auf Werkstoffe direkt aus der Luftfahrtindustrie zurück. Die Karosserie bestand aus Karbon und Kevlar und war mit einem verklebten Aluminium-Monocoque verbunden. Bis zu 5.000 Nieten in Luftfahrtqualität hielten das Auto zusammen.
Und dann ist da noch die Tatsache, dass nur 17 Exemplare existieren. Der W8 ist ein Einhorn. Zugegeben, eines, das sein Ziel verfehlte, die Weltspitze zu übertreffen. Geblieben ist jedoch ein extrem seltener, extrem schneller Supersportwagen im ausgeprägten Retro-Stil. Und einer, der der Welt zeigte, dass es Amerika ernst meinte – gewissermaßen. Wie anders hätte alles laufen können, wenn Vector seine Karten richtig ausgespielt hätte.
Bilder: RM Sotheby’s






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