Ich liege auf einer Matratze in Ros’ Vorgarten und habe die Arme über ihre Gartenmauer gelegt. Einen knappen Kilometer entfernt startet das erste Motorrad. Bis es uns in ungefähr 13 Sekunden erreicht, muss es bereits den Sprung an der Kreuzung bei St Ninian’s, den steilen Sturzflug den Bray Hill hinunter, den Knick bei der Ampel in der Senke sowie Ago’s Leap bewältigt haben – eine fast unsichtbare Kuppe, die dennoch ausreicht, um die Motorräder aufs Hinterrad zu zwingen und abheben zu lassen. Doch sie fahren mit 298 km/h.
Mit der Nase vorsichtig über den Gehsteig geschoben, kann ich den Knick überblicken und höre jeden einzelnen Gangwechsel. Alle schalten bei Vollgas hoch. Ich warte darauf, dass das erste Motorrad auftaucht. Manche Dinge lassen sich nicht vorbereiten, ganz gleich, wie viele TT-Onboardvideos man gesehen hat. Ich höre sie zwar herankommen, doch wenn sie in dieser Nähe wie Feuerwerkskörper vorbeischiessen, ist meine Reaktion völlig unwillkürlich und urtümlich: ein Schreckmoment.
Der Isle of Man TT ist das intensivste Zuschauererlebnis, das ich je erlebt habe – weit eindringlicher als die Formel 1 oder ein Fussballstadion. Entscheidend ist das Wissen darüber, womit die Fahrerinnen und Fahrer kämpfen. Ich sehe die Strassenausstattung: einen unerbittlichen Wald aus Laternenmasten, Ampeln, Einfahrten, Randsteinen und Steinmauern, alles hart, scharf und kantig. Mein Gehirn sagt 48 km/h. Nicht 298 km/h. Die Geschwindigkeiten stehen in keinem Verhältnis zur Umgebung, die Nähe ist so unmittelbar, dass kaum zu begreifen ist, was sich vor meinen Augen abspielt.
Fotografie: Huckleberry Mountain
Man stelle sich nun vor, wie es den Männern und Frauen auf den Motorrädern gehen muss: 168 kg schwere Maschinen mit mehr als 184 kW, deren Leistungsgewicht selbst ein Formel-1-Auto blass aussehen liesse. Man stelle sich die Nervenstärke, das Können und den Mut vor, die nötig sind, um diesen 60,72 km langen Strassenkurs zu bezwingen. Darüber hinaus müssen sie ihn so genau kennen, dass sie jeden Kanaldeckel, jedes Schlagloch, jede Querneigung und jede Stelle mit Seitenwind erkennen. Zugleich akzeptieren sie Gefahren, die sie nicht beeinflussen können: einen herabfallenden Ast, ein verirrtes Kaninchen oder einen technischen Defekt. Kein Rennen auf der Welt setzt Menschen unmittelbarer dem Risiko von Tod oder schweren Verletzungen aus. Und kein anderes Rennen unternimmt mehr, um diese Risiken durch aussergewöhnliche Notfallversorgung und Unterstützung zu verringern.
Der Startmarshal legt jedem Fahrer, der die Linie verlässt, eine Hand auf die Schulter. Es ist eine beruhigende, fast väterliche Geste, bevor die Ampel auf Grün schaltet und die Gladiatoren in ihre Arena aufbrechen. „Es gibt nichts, das diesem Kurs oder dieser Veranstaltung auch nur annähernd gleichkommt“, sagte Peter Hickman zu mir. „Für uns ist es der Höhepunkt dessen, was wir tun dürfen; der Adrenalinstoss hier ist unvergleichlich.“
^ Rekordhalter Peter Hickman bereitet sich vor
Sein aktueller Rekord liegt bei 16:36.115 – mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 219.447 km/h ... „Doch auf den ersten zwei Dritteln der Runde, bis wir Ramsey erreichen, liegt der Schnitt bei über 241 km/h.“ Ein Unfall mit 225 km/h im Training nimmt ihm dieses Jahr die Chance auf den Sieg.
^ Ros’ Garten
Ganz ohne Regeln ist das Zuschauen allerdings nicht. Bestimmte Bereiche sind gesperrt, und mehr als 520 Marshals sorgen entlang der gesamten Strecke für Sichtkontakt und Absicherung.
^ Einsatzzentrale
Ein Team aus mehr als einem Dutzend Personen steuert das Rennen vom Kontrollturm an der Glencrutchery Road in Douglas aus. Dazu gehören die Koordination mit den Einsatzdiensten, der Rennleiter, ein Vorfallbeauftragter und Sektorenleiter. Auf den Bildschirmen laufen Livebilder der Kameras sowie Verbindungen zur Filmcrew. Jedes Begleitfahrzeug, Rennmotorrad, Gespann und medizinische Fahrzeug im Renneinsatz überträgt seine GPS-Daten live.
Wir können nun das gesamte Krankenhaus, das Reanimationsteam und den Notfall-OP direkt zum Patienten bringen.
^ Gespann
Für Motorräder gibt es vier Klassen, für Gespanne nur eine. Ihre Motoren können jedoch von einem 600-cm³-Vierzylinder bis zu einem 900-cm³-Zweizylinder reichen. Ryan und Callum Crowe stellten dieses Jahr mit einem Schnitt von 194.763 km/h einen neuen Rundenrekord auf.
^ Anfahrt zur Hillberry Corner
Dies ist einer der intensivsten Zuschauerplätze: Lediglich eine niedrige Mauer trennt einen von Motorrädern, die fast in Armlänge Entfernung und mit beinahe 322 km/h vorbeifahren.
^ James Mylchreest
Er gehört zur vierten Generation seiner Familie, die beim TT Begleitfahrzeuge fährt. Seit über 100 Jahren ist die Familie mit dem Rennen verbunden. BMW stellt mittlerweile die Fahrzeuge bereit, darunter Kursfahrzeuge, medizinische Fahrzeuge und schnelle Motorräder für die reisenden Marshals.
^ Strassenrennen sind nicht finanzstark
Abseits der wenigen Spitzenteams sind die Rennfahrer auf örtliche Sponsoren und sogar Geldspenden angewiesen, um überhaupt antreten zu können.
^ Springendes Motorrad
Über Ago’s Leap hebt das Motorrad ab. „Sobald eine Kreuzung mit einer anderen Strasse kommt, gibt es einen Sprung“, sagt Hickman. „Die winzigen Unterschiede bei Winkel und Querneigung reichen aus, um die Räder anzuheben oder bei unserem Tempo das ganze Motorrad in die Luft zu bringen.“
^ Medizinische Teams
Es liegt nahe anzunehmen, der TT – die letzte Bastion des Motorrad-Strassenrennsports – nehme es mit der Sicherheit nicht allzu genau. Das Gegenteil ist der Fall. Stattdessen bewegt sich die Veranstaltung an der Spitze dessen, was medizinisch möglich ist. „Auf den meisten Rennstrecken, selbst in der Formel 1 oder MotoGP, wird [der Patient] stabilisiert und abtransportiert“, sagt der medizinische Leiter des TT, Dr. Gareth Davies. „Wir können nun das gesamte Krankenhaus, das Reanimationsteam und den Notfall-OP direkt zum Patienten bringen und den Sterbeprozess dort unterbrechen.“
Zum Traumateam des MRMS (Manx Roadracing Medical Services) beim TT gehören 80 Sanitäterinnen und Sanitäter, Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte sowie Rettungsdiensttechniker, sieben entsprechend ausgerüstete BMW X5, mindestens zwei Hubschrauber und ein Dutzend schneller medizinischer Ersthelfer-Motorräder. Ziel ist es, jeden Unfallort binnen zwei bis drei Minuten zu erreichen. Eine historische Wärmekarte der Unfalldaten unterstützt das Team dabei, mögliche Unfallstellen vorauszusagen. Zusätzlich gibt es inzwischen ein Forschungsprogramm, das die Fahrer während des Rennens überwacht.






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