Renaults Wiederaufstieg gründet auf clever umgesetzten, elektrifizierten Neuauflagen von Katalogklassikern wie dem 4 und dem 5. Der Clio will sich davon allerdings nicht in den Schatten stellen lassen, obwohl sein Fortbestehen keineswegs selbstverständlich war. Ein Supermini mit Verbrennungsmotor und Handschaltgetriebe hat weiterhin seine Berechtigung – und das begrüßen wir, selbst wenn erst Renaults erfolgreiche Elektrostrategie dies möglich gemacht hat.
Die Zahlen sprechen jedenfalls eine deutliche Sprache: Seit der Einführung vor 35 Jahren hat Renault in 120 Ländern und über fünf Generationen hinweg fast 17 Millionen Clio verkauft, davon 1,3 Millionen in Großbritannien. In Europa ist er im ersten Halbjahr das meistverkaufte Auto. Nun kommt also die sechste Generation: zwangsläufig größer, mit intelligent weiterentwickelten und effizienten Verbrennungsmotoren sowie dem umfassenden Technologie- und Vernetzungsangebot, ohne das der Markt heute offenbar nicht mehr auskommt.
Renault Clio: Antriebe und Plattform
Das neue Modell nutzt die CMF-B-Plattform des Konzerns, die mit der Elektroarchitektur verwandt, aber nicht identisch ist. Großbritannien erhält zwei Antriebsvarianten, während in Europa weitere angeboten werden. Im Mittelpunkt steht ein neuer 1,8-Liter-E-Tech-Hybrid mit 158bhp. Zwei kompakte Elektromotoren steuern 151lb ft Drehmoment bei und werden von einer 1,4kWh-Batterie versorgt. Damit sinken die Emissionen auf 89g/km, während der kombinierte Verbrauch bei 72mpg liegen soll. Renault geht davon aus, dass der neue Hybrid im üblichen Stadtverkehr rund 80 per cent der Zeit im E-Modus unterwegs ist. Zudem verweist der Hersteller auf Erkenntnisse aus der Formel 1: Je nach Fahrweise sind 15 mögliche Kombinationen aus Verbrennungsmotor und Elektromotor verfügbar. Der Motor stammt von Horse Powertrain, einem Gemeinschaftsunternehmen von Renault und Geely.
Das Einstiegsmodell bekommt einen 1,2-Liter-Dreizylinder mit 114bhp und wird in Großbritannien ausschließlich mit Handschaltgetriebe angeboten. Seht her: Jemand macht das noch. (In Europa ist ein Sechsgang-Doppelkupplungsautomatikgetriebe erhältlich. Das dürfte dann wohl die Variante für den Mietwagen im Urlaub sein.) Die Lenkung arbeitet direkter als bisher, außerdem stehen – ganz Renault-typisch – mehrere Fahrmodi zur Wahl.
Größerer Renault Clio mit markanterem Auftritt
Ermöglichen Renaults postmoderne Retro-Neigungen bei 4 und 5 nun eine radikale Neuinterpretation des Clio? Nicht wirklich. Er ist gewachsen: Mit 4,1m Länge überragt er den Vorgänger um 67mm, fällt 39mm breiter und 11mm höher aus. Seine elektrischen Geschwister dürfen niedlich wirken; beim Clio der sechsten Generation geht es deutlich offensiver zu, wodurch er weniger schick erscheint, als man es von einem kleinen Franzosen erwarten würde.
Die Front wirkt nach unserem Geschmack etwas überladen, doch wenigstens ist sie weder austauschbar noch formlos. Kräftiger fällt die Seitenansicht aus, noch überzeugender die Perspektive schräg von hinten. Die Dachlinie läuft elegant aus, versenkte Türgriffe sorgen für eine nahezu coupéhafte Silhouette. Gefallen finden wir auch an der Schulterlinie über den Rückleuchten und der Wölbung darunter. Schwarze Radhausverkleidungen und auffällige 18in-Felgen lenken ihn in eine sportlichere Richtung – auch wenn ihn kein Aufwand an unseren geliebten Clio Williams aus der Mitte der Neunziger heranbringen wird, den Leitstern unter den Hot Hatches. Zum Marktstart stehen sieben Farben zur Verfügung, darunter zwei Grautöne. Die poppigen Lackierungen bleiben offenbar dem 5 vorbehalten. Renault Sport ist weiterhin aktiv, doch ob der neue Clio eine echte Hot-Hatch-Ableitung erhält, ist noch offen.
OpenR Link, Innenraum und Assistenzsysteme
Im Innenraum kombiniert Renaults OpenR-Link-Multimediasystem zwei 10,1in-Bildschirme und Google built-in. Dazu gehören Google Maps, die Sprachsteuerung Google Assistant sowie Google Play mit Zugriff auf mehr als 100 Apps. Bei Vernetzung und Technik ist das Angebot stark: Wireless Android Auto und Apple CarPlay sind an Bord, bei höherwertigen Ausstattungen ergänzt durch eine kabellose Ladeschale. Besitzerinnen und Besitzer erhalten drei Jahre lang monatlich 2GB Datenvolumen kostenlos. Da die Apps ins Infotainmentsystem integriert sind, muss man sich nicht auf das Smartphone verlassen.
Das bekannte Renault-Konzept setzt der Clio fort, orientiert sich aber stärker an Komfort und Wertigkeit als seine rein elektrischen Geschwister. Neue Materialien prägen das Armaturenbrett, dessen LED-Beleuchtung in 48 unterschiedlichen Farben eingestellt werden kann. Solche Ambientelicht-Variationen waren bis vor nicht allzu langer Zeit deutlich teureren Fahrzeugen vorbehalten. Auch die beleuchteten Elemente in den Türverkleidungen sehen gelungen aus.
Die Ausstattungslinie „esprit alpine“ ersetzt Stoff durch Alcantara und bringt eine Oberfläche in gebranntem Metall-Look mit. Im Topmodell bestehen mehr als 85 per cent des Innenraums aus recycelten Materialien. Auch die neu gestalteten Sitze setzen stark auf Nachhaltigkeit und tragen farblich abgestimmte Ziernähte. Billig fühlt sich dieses Auto nicht an.
Wer das Harman-Kardon-Audiosystem wählt, kann zwischen fünf Klangprofilen entscheiden, die der französische Elektronikmusikpionier Jean-Michel Jarre entwickelt hat – eine französische Ein-Mann-Ausgabe von Kraftwerk; Oxygène Pt.4 kennt man vermutlich auch dann, wenn einem der Name nichts sagt. Die größeren Abmessungen schaffen mehr Platz im Innenraum, womit der neue Clio gegenüber 4 und 5 klar punktet: Fünf Personen finden bequem Platz. Hinzu kommen mehr Ablagemöglichkeiten, zwei USB-C-Anschlüsse vorn, kabelloses Laden und eine 12V-Steckdose im Fond. Der Kofferraum fasst bis zu 391 litres.
Je nach Ausstattung – Evolution, Techno oder Esprit Alpine – verfügt der Neuling über zusätzliche ADAS-Funktionen, insgesamt sind bis zu 29 erhältlich. Dazu zählen ein aktiver Fahrassistent mit intelligentem adaptivem Tempomat, Notbremsung beim Rückwärtsfahren und erstmals bei Renault, zumindest in Europa, ein Notstopp-Assistent. Er bringt das Auto vollständig zum Stillstand, wenn die fahrende Person erkrankt oder nicht reagiert. Falls einem das den Fahrspaß gründlich verleidet, lassen sich über die Taste My Safety Switch zwei von bis zu fünf ADAS-Funktionen deaktivieren. Natürlich ist all das Teil der EU-General-Safety-Regulation-2, kurz GSR2, die zunehmend ausgefeilte – und mitunter störende – Fahrerassistenzsysteme vorschreibt. Eine Innenraumkamera überwacht beim neuen Clio Müdigkeit und Ablenkung. Ergänzt wird sie durch einen Sicherheitscoach und ein Bewertungssystem, das zu sichererem Fahren motivieren soll. Renault zeigt damit Euro NCAP und dessen immer drakonischerer Überwachung der Autoindustrie die lange Nase und verlagert einen Teil der Verantwortung zurück an die Fahrerin oder den Fahrer.
Der neue Clio kommt in Großbritannien erst Anfang 2027 auf den Markt – die Kosten und der Aufwand für die Entwicklung von Rechtslenkern sollten nicht unterschätzt werden. Er soll sich klar zwischen seinen extrovertierteren elektrischen Geschwistern positionieren. Effizienter Verbrenner und Handschaltung in einem leistbaren Kleinwagen? Dieses bewährte Rezept ist noch nicht am Ende.






Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen