Zum Inhalt springen
Nachrichten

Bentley EXP 15 und Blue Train: Ein gewagter Blick in die Zukunft

Ein historisches grünes Oldtimer-Auto neben einem modernen silbernen Luxusauto in einer Garage.
In diesem Artikel
  1. Der Blue Train und Bentley in Le Mans
  2. Bentley EXP 15: ein neuer Entwurf für das Design
  3. Vom Blue Train zum Innenraum des EXP 15

Der „Blue Train“-Bentley ist weder blau noch ein Zug. Er ist ein Auto, benannt nach einem Rennen, an dem er gar nicht teilgenommen hat – und zwar nach einem illegalen Straßenrennen. Trotzdem ist er, vielleicht abgesehen von einem der siegreichen „Blower“ aus Le Mans, der wertvollste Bentley überhaupt. Unter Freunden kann man von rund 20 Millionen Pfund sprechen.

Der Blue Train und Bentley in Le Mans

Die Geschichte beginnt im Sommer 1930. Woolf Barnato, der lebenslustige Bentley-Chef, zeigt sich wenig beeindruckt davon, dass Rover mit seinem neuesten Modell prahlt: Es sei auf der Strecke von Cannes nach Calais schneller als Le Train Bleu, damals der luxuriöseste Fernzug seiner Zeit.

Barnato wettet um 100 Pfund – heute mehr als 5.600 Pfund –, dass er von Cannes bis nach Calais fahren, dort eine Fähre nehmen, an Englands Südküste übersetzen und den Conservative Club in London erreichen kann, bevor der Zug in Calais eintrifft. Tatsächlich schafft er es: Der Bentley schlägt den Zug um vier Minuten.

Fotos: John Wycherley

Die Franzosen sind darüber erwartungsgemäß erzürnt. Sie schließen Bentley vom Pariser Autosalon 1930 aus und verhängen gegen Barnato eine Strafe, die höher ausfällt als sein Wettgewinn. Doch neben seinem Hattrick an Siegen in Le Mans hat er erneut bewiesen, dass Bentley die schnellsten und zuverlässigsten Reisewagen für lange Strecken baut.

Für den rund 1.336 Kilometer langen Spurt hatte er seine bewährte Speed-Six-Limousine verwendet. Zur Feier des Erfolgs benannte er das bestellte Coupé mit Karosserie von Gurney Nutting nach dieser Fahrt. Es wurde einen Monat nach dem Rennen ausgeliefert und als Blue Train Bentley bekannt. Im Lauf der Jahre wurde die Geschichte verdreht, und verständlicherweise hielten viele den Blue Train für das Auto, das gegen den Zug gefahren war. Selbst der Verkehrsmaler Terence Cuneo ließ sich täuschen und verewigte in seinem Bild des Ereignisses das falsche Fahrzeug. Zum Glück sind die Fakten inzwischen richtiggestellt: Beide mit dem Rennen verbundenen Bentleys existieren noch und gehören demselben amerikanischen Sammler.

Der „Blue Train“ Bentley Speed Six Gurney Nutting Sportsman Coupe, wie er mit vollem Namen heißt, verkörpert tatsächlich das wahre Wesen von Bentley in britischem Renngrün: kraftvoll, luxuriös und unaussprechlich schuftig. Ein Auto, das sich ritterlich anbieten würde, eine errötende Braut zur Kirche zu bringen, nur um mit ihr ins Hôtel de Paris durchzubrennen, auf der seitlich angeordneten Rückbank ein französisches Zimmermädchen aufzunehmen, die Hochzeitssuite zu verwüsten und dem Geschäftsführer für die Unannehmlichkeiten einen großzügigen Scheck auszustellen.

Bentley EXP 15: ein neuer Entwurf für das Design

Bentley gehört zum erlesenen Kreis jener Automobilhersteller, die seit mehr als einem Jahrhundert bestehen und ihre Herkunft bis in eine Zeit zurückverfolgen können, als Autofahren noch ein wirklich gefährliches Abenteuer war. Dieses Erbe kann die Marke auf eine Weise nutzen, um die sie jüngere Emporkömmlinge beneiden dürften. So soll der berüchtigte Blue Train als Inspiration für den EXP 15 dienen: ein Konzeptfahrzeug, das keinen bestimmten künftigen Bentley vorwegnimmt, den man einmal kaufen könnte, sondern auf sechs Metern Länge eine Sammlung von Gestaltungsideen für die Zukunft des geflügelten B präsentiert.

Meine Güte. Eine behutsame Weiterentwicklung ist das wohl kaum, oder? Ein Jahrhundert lang konnte man sich bei Bentley auf große, schwermütige runde Augen, einen engmaschigen Kühlergrill mit markanten Streben und ungefähr so viel Interesse an Aerodynamik verlassen, wie der alte Woolf für französische Tempolimits übrig hatte. Das hier ist … nun ja … überhaupt noch ein Bentley?

Zuerst zur Form: Die Karosserie steht deutlich höher als bei einer gewöhnlichen Limousine, während sich die Fahrgastzelle wie beim Audi A7 nach hinten zieht. Sollen wir daraus schließen, dass der nächste Flying Spur zu einer Art Crossover im Coupé-Stil wird? Bentley-Designchef Robin Page erklärt den Gedanken hinter der ungewöhnlichen Silhouette so:

„Das Schöne an einem Konzeptfahrzeug ist, dass wir damit nicht nur unsere neue Designsprache positionieren, sondern auch erproben können, wohin sich der Markt entwickelt. Es ist klar, dass SUVs ein wachsendes Segment sind, und den GT-Markt verstehen wir. Am schwierigsten ist aber das Segment der Limousinen, weil es sich verändert. Manche Kundinnen und Kunden wünschen sich die klassische Form mit drei getrennten Bereichen, andere ein Design aus einem einzigen Körper und wieder andere etwas Höheres. Das war für uns also eine Gelegenheit, mit Menschen zu sprechen und ein Gefühl dafür zu bekommen.“

Unser Eindruck bei TG: Während Audi mehrere „Sportback“-Modelle einstellt und Mercedes den einst so extravaganten CLS beerdigt hat – und sich wohl wünscht, EQS und EQE hätten eine stattlichere Haltung bekommen –, wirkt es seltsam, eine neue Bentley-Limousine in Tropfenform zu entwerfen. Der übrige Markt scheint diesen kleinen Ausflug in die Auflösung von Fahrzeugklassen hinter sich gelassen zu haben.

Die Aerodynamik spielt dabei natürlich eine große Rolle. Bentleys Designer haben das Auto sogar mit zwei aktiven Dachspoilern und einem Diffusor versehen. Die Räder stecken unter bündigen Abdeckungen. Wenn Batterien die neuen W12-Motoren sind, braucht es eben eine strömungsgünstige Form. Der EXP 15 ist als Elektroauto mit Allradantrieb gedacht; Schätzwerte für Batteriegröße, Reichweite oder Fahrleistungen nennt Bentley allerdings nicht.

Man kann jedoch darauf wetten, dass die Fachleute bei Bentley genau darüber gerade ins Schwitzen kommen. Schließlich hat sich das Unternehmen vorgenommen, sein erstes Elektroauto Ende nächsten Jahres auf den Markt zu bringen – versprochen wird ein „luxuriöses Stadt-SUV“, wie erfreulich – und bis 2035 ganz auf Verbrennungsmotoren zu verzichten. Man sollte aber nicht darauf warten. Bentley gehört zu den vielen Herstellern, die ursprünglich bis 2030 vollständig elektrisch werden wollten und davon abrückten, als die britische Regierung an den Fristen herumhantierte.

11 Minuten 51 Sekunden

Wie Rolls-Royce, Audi und Mercedes steckt Bentley in einer misslichen Lage: Über Jahrzehnte entstand eine Design-DNA, die sich nicht besonders gut auf Elektroautos übertragen lässt. Steil aufragende Frontpartien ruinieren den Luftwiderstandsbeiwert. Warum einen riesigen Kühlergrill mitführen, wenn kein Motor gekühlt werden muss und unter der langen Motorhaube nichts als Luft steckt?

Also hat Bentley versucht, das gestalterische Familiensilber neu zu interpretieren: Der Grill wird in der nur leicht zulaufenden Front zur beleuchteten Kunstinstallation. Unter der gewaltigen Motorhaube sollen Fächer mit klavierdeckelartig angeschlagenen Abdeckungen Platz für maßgeschneidertes Gepäck bieten. Eine kluge Idee – allerdings bieten die meisten Elektroautos mit Frontmotor kaum einen vorderen Kofferraum, in den auch nur eine Traube passt. Ob Bentley dafür eine innovative Lösung findet?

Ganz vorne in der Mitte wurden die Federn des geflügelten B-Logos geschärft. Erst zum vierten Mal in Bentleys 106 Jahren hat man sich an das Markenzeichen gewagt. Irritierender sind Entscheidungen wie die LED-Lichtleisten vorne und hinten. Ist das wirklich unverwechselbar genug? Oder eher ein Fall von „Wir müssen unser Auto nachts nicht erkennbar gestalten, weil die beleuchteten Markenzeichen ohnehin alles verraten“? Der Blick wirkt bedrohlicher als der beinahe überraschte Ausdruck von Mulsanne und Flying Spur. Für uns ist dabei aber das typische Bentley-Wesen einer Lichtsignatur geopfert worden, die auch irgendeiner der chinesischen Emporkömmlinge hätte hinzeichnen können.

Vom Blue Train zum Innenraum des EXP 15

Wo also finden sich die Anspielungen auf den Blue Train? Offenbar in der „endlosen“ Motorhaubenlinie, die von der Spitze der Front entlang der Schulter des Autos verläuft, im aufrechten Grill, in der weit hinten liegenden Fahrgastzelle, den kräftig ausgestellten hinteren Kotflügeln – und im Innenraum mit drei Sitzen.

Dieser Idee liegt eine schlüssige Überlegung zugrunde: Bentleys werden von Menschen gekauft, die gerne selbst fahren und sich gelegentlich chauffieren lassen. Der unwichtigste Platz im Auto ist der Beifahrersitz vorne. Er musste daher einem komfortablen Bett für ein Haustier weichen. Der hintere Sitz auf der Beifahrerseite bietet dadurch Platz zum Zurücklehnen und lässt sich sogar drehen, damit der Fahrgast bei geöffneter hinten angeschlagener Fondtür leichter aussteigen kann. Auf der Fahrerseite sucht man denselben Kunstgriff vergeblich: Der EXP 15 ist asymmetrisch. Rechts ein Coupé mit einer Tür, links eine Limousine mit zwei Türen. Wer hätte gedacht, dass der Hyundai Veloster tatsächlich einer guten Idee auf der Spur war?

Der EXP 15 erfüllt seine Aufgabe bereits. Begeistert? Abgestoßen? So oder so bringt er einen dazu, über Bentleys Zukunft nachzudenken.

Vorne greift die Form des Armaturenbretts die Bentley-Flügel auf. Zugleich setzt sich Bentley über die üblichen Regeln für Konzeptfahrzeuge hinweg und verbaut echte Schalter: Man weiß, dass die Kundschaft – wie wir alle – gerne ab und zu einen gerändelten Metallschalter betätigt. Sogar die Ladeanzeige ist ein mechanisches Objekt unter Glas.

Bentley ist der unbestrittene Meister der Innenraumgestaltung. Von der Materialqualität bis zum Gleichgewicht zwischen Medienbedienung am Touchscreen und fühlbaren Bedienelementen kommt niemand heran. Dabei sollten wir nicht vergessen, dass Bentley auch mit großen, umstrittenen Entscheidungen richtigliegt. Die gemeinsame Plattform mit einer VW-Limousine schadete dem ersten Continental GT ab 2003 keineswegs. Er wurde zum meistverkauften Bentley aller Zeiten.

Die große Geldmaschine von heute heißt Bentayga. Auch er wurde von einem viel gescholtenen Experimentalauto angekündigt, dem EXP 9F. Aus heutiger Sicht, da man an all diese extremen Geländewagen gewöhnt ist, wirkt er keineswegs anstößig. Damals räumten Bentley-Insider jedoch ein, es mit ihrem seltsamen Rover ein wenig übertrieben zu haben. Die Rückmeldungen waren vernichtend, das Serienauto wurde neu gezeichnet und verkaufte sich anschließend in großen Stückzahlen.

Der EXP 15 erfüllt seine Aufgabe indessen schon jetzt. Ob man ihn liebt oder sich vor ihm ekelt: Er hat einen dazu gebracht, über Bentleys Zukunft nachzudenken, und zugleich einigen weiteren Menschen eine der schurkischsten und draufgängerischsten Episoden der Marke nähergebracht. Sollte in weiteren 100 Jahren jemand beschließen, dass Bentley eine gestalterische Erneuerung braucht, wird der Blue Train noch immer genauso schön und genauso cool sein. Und noch immer ein durch und durch charmanter Schuft.

Gerade beliebt

Katharina Leitner

Katharina Leitner ist Kulturwissenschafterin und Autorin aus Graz mit Schwerpunkt auf österreichischer Alltagskultur und regionalen Sprachbesonderheiten. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Schmolik, dessen Traditionen, Bedeutungen und zeitgemäßen Entwicklungen, und sammelt dazu Geschichten, Rezepte und Erfahrungsberichte aus ganz Österreich.

Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen