Der Hyundai Ioniq 9 ist außen wie innen riesig. Für die Ebenen des Alentejo passt er wie gemacht – aber nicht nur dort.
Der Hyundai Ioniq 9 trägt die größte Zahl im Namen und ist, wie sich bereits vermuten lässt, das größte Elektroauto der koreanischen Marke. In mehreren europäischen Märkten ist er schon erhältlich; portugiesische Familien müssen sich dagegen noch bis Anfang 2026 gedulden.
Für eine erste Begegnung mit dem SUV haben wir den Zeitplan vorgezogen und sind in die prachtvollen Ebenen des Alentejo gereist. Mit seinem Auftritt und seinen Abmessungen lässt der Wagen bei seiner Vorbeifahrt niemanden gleichgültig.
Größer könnte der Gegensatz zu den typischen Dörfern der Region kaum sein: Im Ioniq 9 bündelt Hyundai seine besten verfügbaren technischen Lösungen.
Das fünf Meter lange SUV folgt gestalterisch der Ioniq-Familie. Pixelartige Leuchten sind an der gesamten Front durch einen durchscheinenden Abschnitt verbunden, dazu kommen vertikale LEDs und ebenfalls hochkant angeordnete Rückleuchten.
Schon außen deutet sich die Mischung aus SUV- und Van-Genen an. Die eigentliche Überraschung wartet jedoch im Innenraum.
Dort herrscht so viel Platz, dass mehrere Sitzanordnungen möglich sind: sechs Personen finden in der Konfiguration 2+2+2 Platz, sieben in der Anordnung 2+3+2. Die Sitze der zweiten Reihe lassen sich vor- und zurückschieben sowie um 180 Grad drehen, um für die Insassen einen geselligen Bereich zu schaffen.
Je nach Ausführung werden die Sitze manuell oder elektrisch verstellt. Das gilt selbst für die dritte Reihe, deren Lehnen sich vollständig umlegen lassen. Mithilfe einer zusätzlichen Konstruktion entsteht so eine vollkommen ebene Ladefläche.
Damit zählt der Wagen zu den Modellen mit den variabelsten Innenräumen auf dem Markt. Die Wahl der Ebenen des Alentejo für diese erste Begegnung erscheint mir zunehmend sinnvoll …
Der Ioniq 9 bietet Platz für alles
Bei voller Bestuhlung mit sieben Sitzen bleibt noch Raum für etwas Gepäck: 338 Liter. Sind die Sitze der dritten Reihe umgelegt, wächst das Volumen auf gewaltige 908 Liter. Stehen nur noch die Vordersitze aufrecht, sind es schier endlose 2419 Liter.
Unter der vorderen Haube gibt es einen zweiten, kleinen Gepäckraum. Mit 52 Litern bei der 4×4-Version beziehungsweise 88 Litern beim Hecktriebler nimmt er mehr als nur die Ladekabel auf. Zurück zum Innenraum.
Die Mittelkonsole lässt sich um 19 Zentimeter verschieben. Wie zu erwarten, kann sie von den Vordersitzen aus geöffnet werden; ein raffinierter Mechanismus macht das aber auch für die Passagiere in der zweiten Reihe möglich.
Am Lenkrad zeigen grüne Lichtpunkte an, wie voll oder leer die Batterie ist: Sie leuchten entsprechend stärker oder schwächer. Dazu kommen Schaltwippen zur Anpassung der regenerativen Verzögerung, die das Fahren abwechslungsreicher machen.
Zum Glück profitieren nicht nur die Passagiere hinten von zahlreichen Annehmlichkeiten. Auch Fahrer- und Beifahrersitz bieten Massage, Heizung, Belüftung und vielfältige Einstellmöglichkeiten. Das macht Lust aufs Reisen.
Das Armaturenbrett folgt dem aus neueren Hyundai-Modellen bekannten Aufbau: Zwei digitale Bildschirme mit jeweils 12,3 Zoll liegen unter einem gebogenen Rahmen nebeneinander. Links befinden sich die Instrumente, rechts das Infotainment. Darunter sitzen mittig physische Bedienelemente für häufig genutzte Funktionen wie Audio, Navigation und Startseite. Noch weiter unten gibt es erfreulicherweise ein digitales Bedienfeld für die Klimatisierung.
Über eine Taste an der Mittelkonsole wählt der Fahrer den Fahrmodus Eco, Normal oder Sport. In einem zweiten Menü stehen Programme für besondere Untergründe wie Schnee, Schlamm und Sand bereit.
Außerdem lassen sich Fahrparameter individuell einstellen. Das muss allerdings über die Menüs am zentralen Bildschirm erfolgen.
Ein Wohnzimmer auf Rädern
Die Oberseite des Armaturenbretts ist ebenso weich verkleidet wie der obere Bereich der Türen. Weiter unten dominiert hingegen Hartplastik. Die Verarbeitungsqualität bleibt dennoch durchgehend auf hohem Niveau.
Eric-Yann Coulouvrat, Leiter des Innenraumdesigns des Ioniq 9, stellt lieber das südkoreanische Konzept Chabak in den Vordergrund, nach dem der Innenraum gestaltet wurde: „Es ist ein mobiles Wohnzimmer, in dem sich die Insassen einander zuwenden und miteinander Zeit verbringen oder die Sitze zurücklegen und durch das riesige Panoramadach in den Himmel schauen können … auf das nächtliche Schauspiel wie hier unter dem Sternenhimmel im Alentejo.“
Wünschenswert wären weich beschichtete Flächen in den Türtaschen, im Fach zwischen den Vordersitzen und im Handschuhfach. Vor allem würden sie verhindern, dass Gegenstände während der Fahrt Geräusche verursachen. Bei einem Auto, das stets mehr als 70.000 Euro kosten wird, dürfte man das erwarten.
Einen sehr positiven Eindruck hinterlassen dagegen die samtartigen Verkleidungen der A-, B- und C-Säulen sowie die Qualität der Verarbeitung rund um den Innenspiegel.
Apropos Spiegel: Am gefahrenen Fahrzeug waren sowohl die Außenspiegel als auch der obere Innenspiegel digital. Daran muss man sich erst gewöhnen. Besonders nützlich ist das, wenn der Ioniq 9 voll besetzt unterwegs ist und die Köpfe der Passagiere in der zweiten und dritten Reihe die Sicht nach hinten einschränken.
Die Sitze sind breit, bequem und mit Kunstleder bezogen; vorne bieten sie zudem guten Seitenhalt. Die zweite Reihe verfügt über ein eigenes Klimabedienfeld sowie Heizung und Kühlung. Auch Menschen über 1,90 m finden dort reichlich Platz. Weil diese Sitze höher angeordnet sind als die vorderen, fällt der Blick nach draußen leichter.
Drei Antriebe zur Wahl
Hyundai bietet den neuen Ioniq 9 mit drei Antriebsvarianten an: mit Hinterradantrieb und 160 kW beziehungsweise 218 PS, mit 4×4-Allradantrieb und 250 kW beziehungsweise 313 PS sowie als Performance mit ebenfalls vier angetriebenen Rädern. Letzterer kombiniert zwei Motoren zu insgesamt 435 PS.
Die Bruttokapazität der Batterie beträgt bei allen Versionen 110,3 kWh. Hyundai verspricht damit große Reichweiten: 620 km für den Hecktriebler und 600 km für die Allradvarianten.
Entsprechend den Leistungsunterschieden fallen auch die Fahrleistungen aus. Das Einstiegsmodell braucht 9,4 Sekunden bis 100 km/h. Am anderen Ende steht der stärkste Ioniq 9, der mit 5,2 und 3,4 Sekunden für dieselben Messwerte sportwagenartig auftritt. Dazwischen liegt die Version mit 313 PS mit 6,7 und 4,8 Sekunden.
Die elektrische E-GMP-Plattform arbeitet mit 800 V und erlaubt dadurch höhere Ladeleistungen. Mit Gleichstrom (DC) erreicht der Ioniq 9 bis zu 240 kW und damit deutlich mehr als die meisten direkten europäischen oder asiatischen Konkurrenten. Mit Wechselstrom (AC) sind es hingegen höchstens 11 kW – weniger als bei mehreren dieser Rivalen.
Laut Hyundai lässt sich der Batteriestand an Gleichstrom in nur 24 Minuten von 10 % auf 80 % erhöhen. Das entspricht dem Wert des EV9, was überrascht: Kia gibt für dessen Batterie eine kleinere Kapazität von 100 kWh an.
Am Steuer
Nach Portugal dürften die stärkeren Versionen kommen, weil der Preisabstand zum Einstiegsmodell nicht wesentlich sein soll. Für die Fahrt haben wir uns auf die mittlere Variante konzentriert, die insgesamt am ausgewogensten sein dürfte. Ihre mehr als 300 PS und 600 Nm reichen selbst für besonders eilige Familien oder Freundesgruppen mehr als aus.
Im Eco-Modus reagiert die Version mit 313 PS ausreichend kraftvoll. In Normal spricht sie schneller an und in Sport nochmals direkter, wie gewohnt. Die Unterschiede fallen sowohl bei mittlerer Stellung des rechten Pedals als auch beim vollständigen Durchtreten auf.
Auch die Lenkung verändert ihr Verhalten mit dem Fahrmodus. In Eco ist sie leichtgängig und damit ideal für die Stadt, in Normal und Sport wird sie schwerer. Ihre Rückmeldung wirkt jedoch stets recht künstlich.
Der Präsenzton der Elektromotoren lässt sich ebenfalls einstellen: leise, mittel, laut oder ganz aus. Hyundai dürfte allerdings die Softwareübersetzer chinesischer Marken bemüht haben, denn die Begriffe in diesem Menü sind auf Portugiesisch unverständlich. Möglicherweise sind solche Details behoben, wenn der Ioniq 9 in Portugal eintrifft.
Verbesserungspotenzial gibt es auch beim Ansprechen der Bremsen. Das linke Pedal hat einen langen Weg, auch wenn die Verzögerung früher einsetzt als bei manchen Elektroautos, die auf den ersten 25 % des Pedalwegs fast gar nicht bremsen. Eine der stärkeren Rekuperationsstufen dürfte für nahezu alle Verzögerungen im Alltag ausreichen.
Deutlich besser überzeugt das Fahrwerk mit Einzelradaufhängung an allen vier Rädern und Mehrlenkerachse hinten. Das Gewicht der riesigen Batterie und beim gefahrenen Exemplar auch die Bereifung 285/45 auf 21-Zoll-Felgen helfen dabei, übermäßigen seitlichen Karosseriebewegungen entgegenzuwirken. Wegen des Gewichts von mehr als 2,6 Tonnen und der Fahrzeughöhe wären solche Bewegungen sonst naheliegend.
Ein Lob verdient die Geräuschdämmung des Innenraums. Die Ingenieure der südkoreanischen Marke haben einen Großteil der Reifenabrollgeräusche, des Windes und sogar der Geräusche anderer Fahrzeuge, denen der Ioniq 9 unterwegs begegnet, draußen gehalten. Zu diesem sehr guten Ergebnis tragen unter anderem die doppelt verglasten Türen vorne und hinten sowie die ausgefeilte Aerodynamik bei: Bei dieser Version mit digitalen Spiegeln liegt der Cw-Wert unter 0,26.
Bei einer Testfahrt fällt der Verbrauch stets höher aus als im Alltag; hier war das nicht anders. Die stärkere Beanspruchung der beiden Elektromotoren machte sich bemerkbar.
In den Verbrauchsaufzeichnungen dieses Ioniq 9 standen 27,3 kWh für eine kumulierte Strecke von 206 km und 25,3 kWh für eine Strecke von 1553 km. Dabei überwog der Autobahnanteil – das Auto kam aus Madrid –, was die Durchschnittswerte verschlechtert. Für monatlich gemischte Strecken erscheint daher ein Durchschnittsverbrauch um 23 kWh/100 km nicht unrealistisch. Daraus ergäbe sich eine tatsächliche Reichweite von annähernd 450 km (WLTP).
Wann kommt er?
Mit etwas Abstand zum Marktstart seines „Cousins“ Kia EV9 hat Hyundais elektrisches Spitzenmodell nun seine Verkaufslaufbahn in den wichtigsten europäischen Märkten begonnen. In Portugal ist die Einführung für Anfang 2026 vorgesehen.
Die Preise des Hyundai Ioniq 9 wurden noch nicht bekannt gegeben.






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