Auf den ersten Blick ist keineswegs sofort klar, welchem Segment diese beiden Autos eigentlich angehören. Sind es Schrägheckmodelle? Crossover? Eher so klein wie ein Smart Fortwo oder doch in Richtung ausgewachsener Range Rover? Und wie um alles in der Welt schafft es eines davon, denselben Luftwiderstandsbeiwert wie ein Vauxhall Calibra zu erreichen?
Diese letzte Frage beantwortet der Kia EV3. Als relativer Neuling in diesem Vergleich sieht er aus wie eine Kreuzung aus imperialem Stormtrooper und verschollenem Geschwisterteil des BMW i3. Trotz seiner kantigen Form erzielt er dank stark geneigter Windschutzscheibe und Dachlinie, eines am Heck etwas schmäleren Aufbaus sowie einer zu 80 Prozent verkleideten Unterseite einen cW-Wert von 0,26. Natürlich ist die Stirnfläche ziemlich gross, weshalb sein cW·A-Wert weiterhin höher ausfällt als beim windschnittigen Vauxhall der späten 1980er-Jahre. Für einen kleinen Kasten auf Rädern ist das dennoch beachtlich. Und noch etwas: Dieser Lack in Sunset Orange ist bei allen EV3 hier in Grossbritannien serienmässig und sieht hervorragend aus.
Der Volvo EX30 erinnert dagegen stärker an einen klassischen Fünftürer – vielleicht sogar mehr als leicht aufgeblähte Konkurrenten wie Volkswagen ID.3 oder Cupra Born, die eindeutig Schrägheckautos sind. Weil er jedoch etwas höher steht und schwarze Kunststoffbeplankungen trägt, kürten wir ihn bei den TopGear.com Electric Awards 2024 zum „Best EV Crossover“. Und man muss wirklich nicht besonders scharf sehen, um zu erahnen, worauf das hinausläuft: Der EV3 erhielt 2025 genau dieselbe Auszeichnung.
Fotografie: Jonny Fleetwood
Wir wissen also, dass beide Autos überdurchschnittlich gut sind – doch welches ist, ähm ... das bessere?
Kia EV3 und Volvo EX30: Antrieb, Reichweite und Preise
Der hier getestete EX30 verfügt über einen einzelnen Elektromotor an der Hinterachse, die kleinste verfügbare Batterie mit 49 kWh nutzbarer Kapazität und 268 PS. Er ist auch als Extended Range sowie als leicht verrückter Twin Motor Performance mit 422 PS und Allradantrieb erhältlich. Doch selbst dieser Basisantrieb absolviert den Sprint von 0 auf 100 km/h in sehr respektablen 5,7 Sekunden.
Damit ist er zwei Zehntelsekunden schneller als der aktuelle Volkswagen Golf GTI – und deutlich flotter als der EV3. Auch beim Kia haben wir uns für den Einstieg in die Modellreihe entschieden. Kia nennt für seine 58,3-kWh-Batterie lediglich die Bruttokapazität, doch die nutzbare Kapazität soll bei rund 55 kWh liegen. Der EV3 besitzt Frontantrieb, leistet 201 PS und beschleunigt in 7,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h.
Bei der Reichweite hat der Kia auf dem Papier klar die Nase vorn: 435 km mit einer Ladung nach WLTP stehen 336 km beim Volvo gegenüber. Wegen seiner kleineren Batterie und der etwas höheren Ladeleistung ist der EX30 allerdings schneller wieder von 10 auf 80 Prozent geladen. Für den EX30 mit Standardreichweite, der mit bis zu 134 kW lädt, werden 26 Minuten angegeben; der EV3 mit der kleineren Batterie benötigt bei maximal 100 kW 29 Minuten. Und zur Einordnung: Für den Kia gibt es auch eine grosse Batterie. Gegen Aufpreis von £3.000 erhält man ein stattliches 81,4-kWh-Brutto-Pack, das eine Reichweite von 604 km ermöglichen soll. Beeindruckend.
Auch ein Blick auf die Preislisten trennt die beiden kaum. Die Zeiten, in denen Kia nicht in derselben Liga wie Volvo spielen konnte, sind vorbei: Der EV3 startet bei £33.005, während die EX30-Palette ab £33.060 beginnt. Unser Volvo steht in der Ausstattung Plus für £34.410 da. Gegenüber dem Einstiegsniveau Core gibt es damit eine Harman-Kardon-Soundbar, kabelloses Laden fürs Mobiltelefon, Zwei-Zonen-Klimaautomatik, beheizte Vordersitze, eine elektrisch betätigte Heckklappe sowie zusätzliche Sensoren für Technik wie unterstützte Spurwechsel und Volvos aufwendigeres adaptives Tempomatsystem. Der Mehrpreis gegenüber Core lohnt sich.
Der abgebildete Kia ist dagegen ein vollkommen serienmässiger Air in der niedrigsten Ausstattung und kostet keinen Cent mehr als der Einstiegspreis. An Ausstattung mangelt es ihm trotzdem nicht. Der koreanische Kandidat bringt 17-Zoll-Aerodesign-Leichtmetallräder, drei Displays – dazu später mehr –, eine Rückfahrkamera, Sitzheizung, Lenkradheizung und zahlreiche Fahrerassistenzsysteme mit.
Leider führt das Abschalten einiger übereifriger Helfer durch ein kleines Menü-Labyrinth. Wer die Fahreraufmerksamkeitswarnung nicht sofort deaktiviert, wird während der Suche in ebenjenen Menüs pausenlos mit Pings und Tönen bombardiert. Argh! Immerhin gibt es Kurzbefehle für die nervige Geschwindigkeitswarnung – dazu die Lautstärketaste am Lenkrad gedrückt halten – und für den Spurhalteassistenten. Letzterer lässt sich durch langes Drücken der Auto-Steer-Taste am Lenkrad ausschalten; diese Taste steuert auch einen Teil von Kias überzeugendem Highway Driving Assist 2.0.
Wo wir schon bei kleineren Ärgernissen sind: Jeder EV3 besitzt bündig eingelassene vordere Türgriffe. Bei GT-Line und GT-Line S fahren diese automatisch aus, beim einfachen Modell hier muss man sie jedoch händisch bedienen. Um überhaupt hineinzukommen, braucht es gefühlt die Handspanne eines NBA-Spielers und die Fingerfertigkeit Chopins. Und wehe, jemand möchte das Auto erstmals einschalten: Der Startknopf versteckt sich vollständig hinter den Speichen des klobigen Air-Lenkrads und direkt an der Lenksäule.
Fahreindruck: EV3 komfortabel, EX30 agiler
Genug geschimpft. Sobald der EV3 rollt, wird vieles deutlich besser, denn er fährt sich ausgesprochen angenehm. Die Lenkung besitzt ein vertrauenerweckendes Gewicht und liefert brauchbare Rückmeldung. Die Beschleunigung im Alltag ist zudem so stimmig abgestimmt, dass der Sport-Modus nie nötig erscheint. Selbst der Antritt von 0 auf 50 km/h wirkt im Eco-Modus völlig ausreichend, weshalb wir überwiegend dort unterwegs waren, um die Reichweite zu schonen. Über Schaltwippen am Lenkrad lässt sich die Rekuperation verstellen, was auf einer kurvigen Strecke ein wenig zusätzliche Einbindung schafft. Meist wird man aber vor allem angenehm überrascht sein, wie kultiviert der Kia für ein kleines Auto ist.
Bei Autobahntempo sind rund um die Minecraft-Aussenspiegel leichte Windgeräusche wahrnehmbar, doch Abrollgeräusche dringen kaum in den Innenraum. Die Federung ist weich ausgelegt, zugleich aber gut gedämpft, sodass Schlaglöcher und Bodenschwellen souverän abgefedert werden. Wahrscheinlich helfen dabei die kleineren Räder der Air-Ausstattung und die entsprechend hohen Reifenflanken. Das Bremspedal kann sich unter dem Fuss gelegentlich etwas zu leicht anfühlen, was sich jedoch mit dem kräftigen One-Pedal-Modus umgehen lässt.
Im Volvo angekommen, wirkt dieser sofort schneller und spontaner. Das dürfte allerdings auch daran liegen, dass es keine Fahrmodi gibt, die die Leistung hoch- oder herunterregeln. Stattdessen kann man in den Menüs des hochformatigen Touchscreens die Lenkkräfte wählen. Die straffe Einstellung ist die beste, bietet aber ebenfalls nicht besonders viel Rückmeldung. Die leichteste Stufe erinnert an den City-Modus älterer Fiats. Besser meiden.
Sein Leergewicht von 1.840 kg kaschiert der Volvo im Allgemeinen gut; auch der Kia ist mit 1.800 kg kein Leichtgewicht. Der EX30 kombiniert einen ordentlichen Vorwärtsdrang mit einer Dämpfung, die angenehm hochwertig wirkt. Er ist zudem etwas breiter und niedriger als der Kia, kippt in Kurven also nicht so stark ein und wankt etwas weniger. Zwar fährt er spürbar straffer, schluckt Unebenheiten aber weiterhin ausgezeichnet und schirmt seinen Fahrer gut von der Aussenwelt ab.
Ein hauchdünner Sieg für den Volvo auf der Strasse also? Ja, wenn man ihn bis an die Türgriffe bewegen möchte. Für alle, die einfach von A nach B – oder vielleicht C – gelangen wollen, gilt das vermutlich nicht. Im Test erreichte dieser EX30 auf über 322 km Autobahnen, Landstrassen und innerstädtischen Strecken einen Durchschnittsverbrauch von 3,3 Meilen pro kWh. Nicht schlecht, doch bei einstelligen Aussentemperaturen ergibt das in der Praxis nur etwas mehr als 257 km Reichweite. Unter denselben Bedingungen und auf vielen identischen Strassen kam der EV3 auf eindrucksvolle 4,1 Meilen pro kWh. Das entspräche einer realen Reichweite von mehr als 362 km. Trotz der Kälte sahen wir im dichten Londoner Verkehr sogar Werte nahe 5,0 Meilen pro kWh. Kia hat irgendwie einen praktischen Fünfsitzer-Kasten gebaut, der ausserordentlich effizient ist.
Innenraum und Alltagstauglichkeit der Elektro-Crossover
Der Volvo EX30 wird von seinem beinahe vollständig tastenlosen Innenraum ausgebremst. Hinter diesem Wahnsinn steckt freilich ein Plan: Die Schweden wollten das Volvo-Modell mit dem bislang kleinsten CO₂-Fussabdruck entwickeln. Das ist ihnen gelungen. Eine Lebenszyklusanalyse weist für den EX30 über 200.000 km einen CO₂-Fussabdruck von 23 Tonnen aus. Gegenüber einem XC40 mit Benzinmotor entspricht das einer Verbesserung um 60 Prozent. Der Verzicht auf kleinteilige Tasten vereinfacht die Produktion des Innenraums und reduziert den Bedarf an Rohstoffen. Er bedeutet aber auch, dass sich das Handschuhfach nur über den Bildschirm öffnen lässt. Dasselbe gilt für die Spiegelverstellung. Wer regelmässig längs einparkt und nicht möchte, dass die 18-Zoll-Räder aussehen, als wären sie mit einer Käsereibe bearbeitet worden, kann den Volvo nicht kaufen.
„Der Kia ist schlicht viel praktischer, im Allgemeinen leichter zu bedienen und – entscheidend – enorm effizient“
Auch der Kia hat seine Bildschirmprobleme, vor allem weil das separate kleine Klimadisplay vom Lenkrad verdeckt wird. Trotzdem sind wir froh, dass es vorhanden ist: Den Kopf leicht zur Seite zu neigen, ist wesentlich einfacher, als für die Temperaturregelung durch Menüs zu navigieren. Diese Menüs können bei Kia ebenfalls etwas überladen und eintönig wirken, obwohl der zentrale Touchscreen gross und reaktionsschnell ist.
Der übrige Innenraum ist erfreulich hell, während die Stoffsitze bequem und stützend ausfallen. Fast so, als hätten die Koreaner in diesem Punkt bei Volvo abgeschrieben, oder? Hinter den Vordersitzen bietet der Kia deutlich mehr Bein- und Kopffreiheit als der beengte Volvo. Der EX30 fasst 318 Liter Gepäck, der EV3 dagegen eine riesige 460-Liter-Höhle. In beiden Frunks findet allerdings nur ein einziges Ladekabel Platz. Beim Volvo ist das besonders schade, weil sein Motor hinten sitzt. Da müsste doch eigentlich mehr nutzbarer Raum verfügbar sein?
Dennoch mögen wir den umweltfreundlichen Volvo hier bei TG sehr, daher werden keine bereits gewonnenen Titel aberkannt. Mit seinen „Thors-Hammer“-Scheinwerfern, markanten Türgriffen und dem zweifarbigen Dach ist er ein attraktives kleines Auto. Trotz seiner eher kargen Gestaltung wirkt er mit gelungenen Farbkombinationen sowie hochwertigen, nachhaltigen Materialien im Innenraum ziemlich elegant. Müssten wir allerdings einen dieser kompakten Crossover täglich nutzen, wäre die Wahl ganz klar der EV3. Sein Design polarisiert vielleicht etwas stärker, und er vermittelt nicht ganz dasselbe Gefühl von „klein, aber hochwertig“ wie der Schwede. Doch der Kia ist schlicht viel praktischer, im Allgemeinen leichter zu bedienen und – entscheidend – enorm effizient.






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