Dan Bythewood verfolgt seinen Traum schon fast sein ganzes Leben lang. Als er sich in das Cockpit eines Formel-1-Autos mit V10-Motor zwängt – seines Formel-1-Autos mit V10-Motor, das in einer Werkstatt im verschlafenen Bedfordshire auf zwei Wagenhebern ruht –, fallen zwei Dinge auf: wie viel er dafür auf sich genommen hat und wie weit er auf diesem Weg gekommen ist.
Dan Bythewoods Weg zum Formel-1-Traum
Dan wurde 1974 in Rockville Centre auf Long Island geboren und wuchs gefühlt auf einem anderen Planeten als jenem der Formel 1 auf. Der aufgeweckte Bub übersprang ein Volksschuljahr. Weil selbst das offenbar nicht genug Anregung bot, fuhren seine Eltern mit ihm im Zug nach Manhattan, wo er für Fernsehrollen vorsprach. Für einen Siebenjährigen kein schlechter Nebenverdienst. Schon bald stand er für Werbespots für Jell-O-Pudding und die langlebige Seifenoper The Doctors vor der Kamera – an der Seite von niemand Geringerem als Alec Baldwin. Die Schauspielerei sollte zwar nicht sein Hauptberuf werden, doch einen eigenen IMDb-Eintrag brachte sie ihm ein. Allerdings ist sein Name dort falsch geschrieben. Nennen wir es einen digitalen Versprecher.
Abseits der Kameras verspürte der junge Dan den Drang nach Geschwindigkeit. Das Haus seiner Familie stand neben einem riesigen Hügel. Immer wieder schleppte er seine Green Machine – „ein Stück Plastik, das einfach sehr schnell rollt“ – bis ganz nach oben, um anschließend hinunterzurasen. „Unten angekommen war nicht wirklich viel Platz“, erzählt er. „Da kam ein Stück Wiese, dann eine Einfahrt und dann eine Mauer. Wenn man also nicht alles richtig machte … war es ein schlechter Tag.“
Trotzdem ging es für ihn immer wieder hinauf und hinunter. Den ganzen Tag lang. „Das wird einem wirklich in die Wiege gelegt“, meint er. „Irgendetwas zieht einen als Menschen zur Geschwindigkeit hin, dazu, dieses Trägheitsgesetz zu beherrschen, was wirklich erstaunlich ist. Wenn man geboren wird, zeigt sich das.“
Auch seine Mutter Alicia erkannte das. „Oh, er ist so zielstrebig“, sagt sie. „Er hört nicht auf, bis sein Ziel gesetzt, erreicht und bestätigt ist … er war schon immer so. Wir sind sehr stolz auf ihn, denn seine Träume waren nicht leicht zu verwirklichen.“
Und dieser Traum? Dan wollte inzwischen nichts lieber, als Formel-1-Fahrer werden. Angesteckt hatte er sich durch die Sportsendung Wide World of Sports – rund 40 Jahre bevor Netflix die Formel 1 populär machte. Er war ein „Senna-Fan“, sein Bruder ein „Prost-Fan“, und bald stand die ganze Familie beim ersten Morgengrauen auf, um Formel 1 zu schauen.
Dan wusste, dass ein Platz in der Startaufstellung ein nahezu unerreichbares Ziel war. Versuchen musste er es trotzdem. Zuerst brauchte er einen Führerschein. Weil er ein Jahr jünger war als seine Schulfreunde, musste er zusehen, als sie mit dem Fahrenlernen begannen. Statt weitere 12 Monate auf diesen ersten Geschmack von Freiheit zu warten, fragte er seine Eltern unschuldig, ob er seine Großeltern in Florida besuchen dürfe. Dort konnte man den Führerschein zufällig zwei Jahre früher machen als in New York. Nun ja: Wenn man Senna-Fan ist und eine Lücke sieht … Alicia lacht: „Da wussten wir also, wie entschlossen er war, so etwas zu machen.“
Es blieb nicht bei dieser einen Täuschung seiner Eltern. Unter einem weiteren Vorwand schlich Dan sich in einem MR2 Turbo davon und fuhr zum Bridgehampton Race Circuit, um heimlich an einem Fahrertraining teilzunehmen. „Der Vormittag war großartig, ich habe wahnsinnig viel gelernt“, erzählt er. „Wir essen zu Mittag, ich fahre wieder hinaus und als ich zurückkomme … mein Gott, ich werde sterben. Meine Eltern sind in der Box. Jetzt stecke ich wirklich gewaltig in Schwierigkeiten.“
Bis heute weiß er nicht, wie sein ausgeklügelter Plan aufflog. Sorgen hätte er sich jedoch nicht machen müssen: Seine Eltern sahen ihm gern zu und ermutigten ihn weiterzumachen, weil sie wussten, dass er ohnehin nicht davon ablassen würde. Der nächste Streckentag führte ihn nach Laguna Seca, wo er dank der Jim Russell Racing School einen Einsitzer auf profillosen Rennreifen fuhr. Danach folgte ein weiteres Fahrzeug mit mehr aerodynamischem Abtrieb.
Es kamen Fahrten mit der Skip Barber Racing School hinzu, dazu allerlei Veranstaltungen, bei denen man einfach anreisen und fahren konnte, sowie eine Rennlizenz. Auf dem Innenkurs des Las Vegas Motor Speedway probierte Dan sogar ein Fahrzeug aus, das einem Formel-1-Auto nachempfunden war – etwa nach Art des Lotus T125. Begeistert war er davon allerdings weniger als frustriert. Nicht zuletzt, weil sein Fuß unter dem Bremspedal stecken blieb.
Obwohl Dan jede mögliche Minute auf der Rennstrecke verbrachte, war ihm klar: Ohne mehrere Dutzend Millionen Dollar für eine Nachwuchskarriere würde es mit der Formel 1 nichts werden. Also konzentrierte er sich auf die Immobilienbranche und nahm sich die zweitbeste Lösung vor: einen Gebrauchtwagen zu kaufen.
Ein BAR-Honda für Dan Bythewoods Formel-1-Traum
2009 bot sich ihm die Gelegenheit. Ross Brawn hatte die Überreste von Hondas Formel-1-Team für 1 Pfund übernommen und sofort einen Ausverkauf angeordnet, um Geld aufzutreiben. Zum Bestand gehörte ein BAR-Honda-Chassis aus dem Jahr 2001 mit seiner legendären Lackierung. Der ursprüngliche V10 fehlte zwar, ansonsten war es aber gut erhalten.
Dan bot an, das Fahrzeug noch vor der Auktion zu kaufen. Doch es ging ihm nicht nur um das Auto, sondern auch um die Rechte daran. Warum? „Ich wollte keinen Briefbeschwerer“, erklärt er. „Ich wollte, dass es fährt, damit ich meinen Lebenstraum verwirklichen und in der Formel 1 sein konnte.“ Dafür brauchte er einen Satz CAD-Dateien und einen Brief von Brawn, der die Rechtmäßigkeit bestätigte. So konnte er jede Schraube originalgetreu nachfertigen und das Auto wieder zum Leben erwecken.
Bei dem Geschäft handelte Dan auch Zugänge zum Formel-1-Fahrerlager für fünf Grands Prix in der folgenden Saison aus – jene Art von Pässen, für die Normalsterbliche einen Arm und ein Bein hätten hergeben müssen, wenn man sie überhaupt hineingelassen hätte, was nicht der Fall war. „Um diese Karten konntest du nicht einmal betteln“, sagt er. Sein erstes Rennen war in Spa. Danach lernte er Jenson Button, Lewis Hamilton und dessen Vater Anthony kennen. Seither sind sie befreundet. „Das war fantastisch, weil ich dadurch Zugang zu einer Welt bekam, zu der ich unbedingt gehören wollte. Im Grunde lebt man dabei doch seine Kindheitsträume aus, oder?“
Unterdessen wurde deutlich, wie viel Arbeit an dem Auto nötig war. Honda hatte kein Interesse daran, einen neuen Motor zu liefern. Dan spürte daher einen 3,0-Liter-Cosworth-LK-V10 auf, den Jordan 2003 eingesetzt hatte. Cosworth selbst brachte ihn anschließend auf den TJ-Stand von 2005, um größtmögliche Zuverlässigkeit zu erreichen. Das komplexere Antriebsaggregat verlangte nach einem komplexeren Lenkrad: Auch das wurde ausgetauscht und stammte zufällig aus einem von Jensons früheren Autos. Später stellte Dan fest, dass die 33,02 Zentimeter großen Felgen überaltert waren – wer hätte gedacht, dass Magnesium wie Milch verdirbt? Er brauchte nur drei Sätze, doch für maßgefertigte Felgen von OZ Racing betrug die Mindestbestellmenge 12. Jetzt hat er also reichlich Ersatz. Getriebe, Aufhängung und Aerodynamik blieben dagegen unverändert.
All das und noch mehr brauchte Zeit. Sehr viel Zeit. Mehr als acht Jahre akribischer Arbeit vergingen, bis das Auto und sein neuer Motor endlich für einen ersten Funktionstest bereit waren. Auf diesen Moment hatte Dan hingearbeitet, seit er als Bub seine Green Machine auf Long Island den Hügel hinaufgeschleppt hatte.
Einfach wurde es natürlich auch jetzt nicht. Ein aufheulender Cosworth-V10 klingt zwar großartig, ist aber ebenso großartig laut: Bei 18.600 Umdrehungen pro Minute erreicht er bis zu 150 Dezibel und sprengt damit die Lärmgrenzen der meisten Rennstrecken. Also musste die gesamte Ausrüstung zum Flugplatz Marl-Loemühle in Deutschland gebracht werden. Dort konnten sie alle 10 Zylinder entfesseln, ohne befürchten zu müssen, die Menschen in der Umgebung zu betäuben. Beim Anlassen „schoss aus beiden Auspuffrohren eine rund 0,91 Meter lange Flamme“. Meine Güte. Gibt es überhaupt feuerfesten Gehörschutz?
Obwohl das Auto sein Bestes gab, um den Drachen Smaug nachzuahmen, fühlte sich Dan vor der ersten Fahrt nach eigener Erinnerung wie ein „Kind im Süßigkeitengeschäft“. „Aber ich hatte jede Menge Schmetterlinge im Bauch. Weil Leute herumstanden und man sich nicht blamieren wollte. Es war das erste Mal, dass ich ein Auto aus dem Stand mit einer Kupplung am Lenkrad anfuhr. Und dann diese Aufregung, weil ich etwas fuhr, wofür ich mein ganzes Leben lang so hart gearbeitet hatte.“ Dazu kam noch eine Art posttraumatische Belastung, weil sein Fuß einst unter dem Bremspedal festgesteckt hatte. „Das macht die Sache ziemlich nervenaufreibend.“
„Auf diesem Planeten gibt es nichts, was einem Formel-1-Auto gleicht. Der Verstand kann einfach nicht begreifen, dass man es überleben wird, bei rund 322 km/h erst 60 Meter vorher zu bremsen. Das ist überwältigend.“
Bei der ersten Fahrt waren zum Einlaufen des Motors höchstens 10.000 Umdrehungen pro Minute und nur ein paar Gänge erlaubt. Richtig aufdrehen konnte Dan ohnehin nicht, denn die Landebahn war kurz und voller Unebenheiten. Trotzdem beeindruckte ihn das Auto auf Anhieb. „Auf diesem Planeten gibt es nichts, was einem Formel-1-Auto gleicht“, sagt er. Die Geschwindigkeit konnte er noch einordnen, die Bremsen waren jedoch eine andere Welt. „Der Verstand kann einfach nicht begreifen, dass man es überleben wird, bei rund 322 km/h erst 60 Meter vorher zu bremsen. Das ist überwältigend.“
Zen nennt er dieses Gefühl. „Es ist der gesamte Vorgang, eine Maschine zu fahren, die alles, was man bisher gefahren ist, bei Weitem übertrifft. Und für diesen Zeitraum die perfekte Maschine fahren zu können. Sie ist ein technisches Wunderwerk.“
Auch der restliche Tag verlief gut. Nach und nach steigerte man die Drehzahl auf 16.000 Umdrehungen pro Minute und sammelte dabei wichtige Daten. Daheim wollten alle unbedingt wissen, wie es gelaufen war, also rief Dan sie gleich danach per Video an. „Wir waren sehr glücklich“, sagt Dans Vater, der ebenfalls Dan heißt. „Ihn zum ersten Mal in einem Formel-1-Auto fahren zu sehen, war aufregend. Aber ihn in seinem eigenen Auto zu sehen, war meiner Meinung nach noch viel mitreißender – überwältigend. Das ging wirklich sehr, sehr ans Herz.“
Dan Bythewoods nächste Formel-1-Fahrt
Siebeneinhalb Jahre später hat Dan junior erneut eine lange, geduldige Wartezeit bis zu seiner nächsten Fahrt hinter sich. Die Covid-Pandemie sorgte natürlich für Verzögerungen, doch inzwischen ist nicht mehr viel zu beheben. Die grundlegende Motorabstimmung muss noch in Ordnung gebracht werden – möglicherweise steckt nur eine falsche Null im Programmcode dahinter. Außerdem stellte sich heraus, dass die Flammen von 12-Volt-Kraftstoffeinspritzdüsen verursacht wurden, die nur halb so groß wie erforderlich waren. So reichte der Zündfunke nicht aus, um den gesamten Kraftstoff zu verbrennen. Hoppla.
Sofern keine weiteren Rückschläge dazwischenkommen, soll Dan 2025 seinen Formel-1-Traum erfüllen: auf richtigen Rennstrecken und mit richtigem Tempo. Dafür übt er ausgiebig am Simulator – in iRacing gibt es einen Williams aus den frühen 2000er-Jahren – und trainiert seinen Nacken, damit er hohen G-Kräften standhält. Einladungen sammeln sich bereits, und vielleicht kommt er sogar an einem echten Formel-1-Wochenende auf die Strecke. „Für diesen einen Sekundenbruchteil wäre das cool“, sagt er. „Aber das wirklich Epische ist der Weg dorthin.“






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