Jonathan Wheatley, der stets gut gelaunte silberhaarige Teamchef von Sauber F1, dürfte mit deutlich beschwingterem Schritt – oder zumindest mit neuem Selbstvertrauen – in die Sommerpause der Formel 1 gehen.
Er zählt zu den angesehensten Führungspersönlichkeiten des Sports: Er beherrscht die Sprache des Rennsports, der Boxenstopps, der Strategie und des anspruchsvollen Teambuildings. Zudem ist er einer von uns, ein echter Autofan mit einer Garage voller Schmuckstücke. Sein Lebenslauf reicht vom Schrauben in den Nachwuchsklassen bis zum Treffen von Entscheidungen im wohl druckvollsten sportlichen Umfeld der Welt.
Er verliess Red Bull für eine Aufgabe, die grösser, komplexer und wesentlich riskanter ist: Kick Sauber F1 durch die letzten Jahre als eigenständiges Team zu führen und es 2026 in Audis erstes Formel-1-Werksteam zu verwandeln.
Zum Beginn der Pause hat das Team, das im kommenden Jahr Audi F1 werden soll, 51 Punkte auf dem Konto – 47 mehr als Ende des Vorjahres. Damals wurde es mit bloss vier Punkten abgeschlagen Letzter, ganze 664 Zähler hinter Weltmeister McLaren. Zur Saisonhälfte liegt Sauber damit auf Rang sieben der Konstrukteurswertung, einen Punkt hinter Aston Martin sowie vor Racing Bulls, Haas und Alpine. Das ist ein klarer Fortschritt.
Gabriel Bortoleto erzielte in Ungarn mit Platz sechs das bislang beste Saisonresultat, nachdem Nico Hülkenberg beim Grossen Preis von Grossbritannien zuvor aufs Podium gefahren war – das erste des Teams seit Kamui Kobayashi 2012. Der Aufwärtstrend ist greifbar. Der Podestplatz war offenbar kein einmaliger Glückstreffer: In diesem Jahr geht es wohl nicht nur darum, neue Stärken aufzubauen, sondern auch alte Schwächen abzulegen.
In der vergangenen Saison trug Sauber den wenig schmeichelhaften Titel des langsamsten Teams in der Boxengasse. Technische Probleme warfen die Mannschaft immer wieder zurück: Radmuttern verkanteten sich, Stopps zogen sich in zweistellige Sekundenbereiche. 2024 kassierte das Team einen 31,18-Sekunden-Stopp bei Valtteri Bottas sowie einen 20,20-Sekunden-Stopp bei Zhou Guanyu. Nur ein Jahr später gewann Sauber beim Grossen Preis von Spanien den DHL Fastest Pit Stop Award: 2,13 Sekunden für einen kompletten Reifenwechsel an Bortoletos Auto.
Diese Wende ist offenbar kein Zufall, sondern das Ergebnis eines „monumentalen“ Einsatzes in Hinwil und an der Strecke. Jonathan Wheatley treibt den Wandel gemeinsam mit Mattia Binotto, dem Leiter des Audi-F1-Projekts, voran. Vor seiner wohlverdienten Pause am Strand sprachen wir mit ihm über Rennerfolge, technische Herausforderungen, kulturelle Veränderungen und eine seiner grossen Leidenschaften: Strassenautos. Und natürlich über seine Mops-Dame Lola, die in seinem Porsche auf dem Beifahrersitz mitfährt.
TG: Beginnen wir in Silverstone. Das erste Podium des Teams seit zwölf Jahren und Nicos erstes in seiner Karriere – das muss sich besonders angefühlt haben?
JW: „Es war ein aussergewöhnliches Erlebnis. Ich war bei Teams, die Meisterschaften gewonnen haben, und bei Teams, die erstmals Rennen gewonnen haben. Aber die pure Freude im Team war etwas Wundervolles, und ich habe es wirklich sehr genossen, ein Teil davon zu sein. Es war gewissermassen ein Ausbruch von … ich denke, es hatte sich diese Frage aufgebaut: Können wir das schaffen? Sind wir dazu fähig? Und das Team hat eine brillante gemeinsame Leistung abgeliefert.“
Hat das den Glauben in der Garage verändert?
JW: „Seit ich im April dazugestossen bin, spürt man, wie innerhalb des Teams der Schwung zunimmt. Die Kommunikation wird besser, die Strukturen werden etwas klarer, und es fühlt sich in jeder Hinsicht so an, als wären wir nun auf einer Reise. Damit haben wir den ersten Schritt gemacht, aber wir nehmen ein Rennen nach dem anderen. Ich erwarte nicht, dass wir jedes Wochenende auf dem Podium stehen.“
Sie wechselten von Red Bull zu Sauber. Was sind die grössten kulturellen Unterschiede, und was hatten Sie erwartet?
JW: „Ich hatte eine ziemlich klare Vorstellung davon, was mich erwartet. Ich habe seit Jahren Freunde bei Sauber. Es ist nicht so, dass ich über das Team nichts gewusst hätte. Mit einigen Leuten dort verbinden mich sehr, sehr lange Freundschaften. Doch letztlich gilt: Wenn man Rennfahrer ist und in einem Rennteam arbeitet, gibt es eine gemeinsame Vision und ein gemeinsames Ziel. Es fühlt sich wie ein Rennteam an. Das steckt einfach in seiner DNA.
Das Team existiert seit Jahren genau dafür. Nun entwickeln wir uns von einem Team, das eine grossartige Arbeit geleistet hat, jedes Wochenende einfach mit zwei Autos in der Startaufstellung zu stehen, hin zu dem Anspruch, Rennen und Weltmeisterschaften zu gewinnen.“
Und als Sie erstmals durch die Tür gingen: Gab es etwas, das Sie sofort ändern wollten?
JW: „Im ersten Monat kann man zu einem Schluss kommen, der nicht der richtige ist. Deshalb geht es in den ersten drei oder vier Monaten eher um einen sehr behutsamen Ansatz, bis man wirklich versteht, wie das Team arbeitet, weshalb es so arbeitet und warum seine Struktur so anders ist als jene eines Teams, das man bereits kennt. Manche Dinge, die man über die Jahre gelernt hat, lassen sich anwenden, andere müssen an die jeweilige Situation angepasst werden.
Ich wollte in meiner Karriere eine Herausforderung. Ich wollte täglich gefordert werden und bei vielen Themen meine Komfortzone verlassen. Und ich geniesse es sehr, mit dem Team auf dieses Ziel hinzuarbeiten, nächstes Jahr Audi F1 zu sein.“
Boxenstopps: Vergangenes Jahr wart ihr die langsamste Crew in der Boxengasse, heuer hattet ihr den schnellsten Stopp des gesamten Spanien-GP-Wochenendes. Was ist passiert?
JW: „Ich habe immer gedacht, dass die Leistung bei Boxenstopps den Teamgeist und das Selbstvertrauen zeigt, mit dem man dort hinausgeht. Eine Boxencrew besteht aus 22 Personen. Alle müssen sich in einem Zeitraum von zwei Sekunden auf exakt dieselbe Aufgabe konzentrieren. Menschen können Probleme zu Hause haben, schlecht geschlafen haben oder krank gewesen sein … aber alles zusammenzubringen, zeigt Selbstvertrauen und eine klare Richtung im Geist des Teams. Es ist auch ein bisschen eine Metapher für das, was wir als Mannschaft gerade durchmachen.
Hinter den Kulissen steckt enorm viel Energie. Mattia hat diesen Prozess in der Fabrik schon vor langer Zeit angestossen. In vielerlei Hinsicht fühle ich mich fast wie ein Hochstapler, weil ich von der harten Arbeit profitiere, die er gemeinsam mit den Leuten geleistet hat. Wir gewinnen an Dynamik – und das gilt auch für den C45.“
Ihre Partnerschaft mit Mattia Binotto – eine Doppelspitze mit geteilten sportlichen und technischen Verantwortlichkeiten – ist in der Formel 1 selten. Funktioniert diese Aufteilung?
JW: „Bei 24 Rennen, dazu Tests und all den anderen Verpflichtungen eines Teamchefs, ist es grossartig, diese Aufgaben teilen zu können. Mattia ist jemand, mit dem ich schon immer arbeiten wollte, und er bringt enorm viel Erfahrung darin mit, Chassis und Antrieb zusammenzuführen. Für mich ist das ein wahr gewordener Traum, und es zeigt, wie aufregend dieses Projekt ist.“
Und wird Ihnen diese Aufgabenverteilung nächstes Jahr noch mehr helfen?
JW: „Wir rücken immer näher zusammen. Über die Jahre hatten wir eine grossartige Beziehung, in der wir uns vor allem gegenseitig aufziehen, und das hilft in Situationen mit hohem Druck. Ich habe bereits einmal ein Venn-Diagramm beschrieben, das zeigt, was Mattia macht, was ich mache und wo sich unsere Bereiche überschneiden. Über genau diesen Überschneidungsbereich führen wir sehr gute Gespräche. Unsere Büros sind durch eine Verbindungstür miteinander verbunden, und wir lehnen oft im Türrahmen und reden ganz allgemein über Dinge im Unternehmen.“
Wenn wir schon beim gegenseitigen Aufziehen sind: Welche Kultur wollen Sie für Sauber und danach Audi F1 schaffen?
JW: „Ehrlich gesagt schafft ein Team seine Kultur selbst. Es sind so viele Menschen daran beteiligt, und dieser gemeinsame Geist zeigt sich dann als Ethos der Mannschaft. Was ich dort sehe, ist der Wille, erfolgreich zu sein, sowie viel junges Talent. Vielleicht weiss ich nicht, warum, aber ich hatte nicht erwartet, so viel junges Talent vorzufinden. Es braucht einfach Orientierung, und wir müssen die passenden Strukturen schaffen.“
Wird es sich seltsam anfühlen, wenn nächstes Jahr alles einfach zu Audi F1 wechselt?
JW: „Ich trug zum ersten Mal ein Hemd mit den vier Ringen, und das war für mich ein überraschend emotionaler Moment. Dieser Traum, dieser Anspruch, Sauber in das Audi-F1-Projekt zu verwandeln, zeigte sich damit zum ersten Mal sichtbar.“
Der Druck wird gewaltig sein. Audi macht im Motorsport keine halben Sachen …
JW: „Ich versuche mich gerade daran zu erinnern, wann ich in meiner Karriere zuletzt nicht unter enormem Druck gestanden bin. Ich glaube, man gewöhnt sich einfach daran, damit umzugehen. Ich verwandle ihn gerne in Energie für Veränderung. Ich nutze ihn, um mich selbst zu motivieren und voranzukommen. Ehrlich gesagt weiss ich nicht, was ich ohne Druck in meinem Leben machen würde. Vermutlich würde ich ihn selbst erzeugen.“
Wenn Sie der Boxenmauer entkommen: Wo finden Sie Ihre Ruhe?
JW: „Meine besten Ideen habe ich meistens beim Laufen. Aber ich bin nach wie vor ein riesiger Autofan. Ich liebe es, meine Autos zu fahren. Wegen des Drucks im Job kann ich das derzeit nicht so oft tun, wie ich möchte. Und dann verbringe ich, wenn möglich, Zeit mit meiner Familie. Meine Frau versucht jetzt, mich für die Sommerpause festzunageln, damit wir tatsächlich etwas Urlaubszeit finden.“
Woher kommt diese Autobegeisterung?
JW: „Ich gebe wohl meinem Vater die Schuld, denn als ich ein Kind war, fuhr er Rennen. Daher war ich schon früh in Autos verliebt. Er hatte immer grossartige Strassenautos. Ob es ein 3.0 CSL war oder ob ich mich daran erinnere, wie er erstmals mit einem Ferrari Dino auftauchte, später einen 308 und einen 365 GTC kaufte – dazu all die Autos seiner Freunde: Das war einfach eine riesige Kultur.
Als ich sehr klein war, sass ich in einem GT40, mit dem wir auf der noch nicht vollständig eröffneten M25 auf und ab fuhren, sodass man etwas schneller fahren konnte, als es vermutlich vorgesehen war. Mein Vater pendelte eine Zeit lang mit einem Lotus Cortina-Rennwagen, also fuhren wir zur Schule und hielten uns hinten am Überrollkäfig fest. Wahrscheinlich hatte ich gar keine Wahl.“
Und moderne Strassenautos? Begeistert Sie deren Technik genauso wie jene der Klassiker?
JW: „Ja, ich glaube, meine Faszination hat mit Technik begonnen. Schon als Kind nahm ich Dinge auseinander, setzte sie wieder zusammen und versuchte zu verstehen, wie sie funktionieren. Ich glaube, ich hatte vom allerersten Modell an jeden GT3. Wenn man einen 996 fährt und danach einen 992, kann man kaum glauben, wie weit sich die Technik entwickelt hat. Und eine Runde um Silverstone in einem 992 GT3 zeigt, wohin die Technik führt – das ist aufregend.
Es ist eine spannende Zeit. Ich bin nicht verpflichtet, das zu sagen, aber ich wollte unbedingt einen RS6 haben. Nun fahre ich jeden Tag einen RS6 und kann es noch immer kaum glauben.“
Lieblings-GT3?
JW: „Ich wünschte, ich hätte es mir leisten können, ihn zu behalten. Doch für eine kurze Zeit in meinem Leben besass ich einen 997 RS mit 4,0-Liter-Motor. Es war ein Dubai-Auto, praktisch neu, und ich hatte es etwa drei oder vier Jahre lang. Ich glaube nicht, dass ich es jemals gefahren bin, ohne dabei aufgeregt zu sein.“
Und die Klassiker?
JW: „Ich habe auch einen 911 mit kurzem Radstand aus dem Jahr 1967 und einen originalen Audi Quattro mit zwanzig Ventilen. Am Quattro wird gerade ein wenig gearbeitet, aber ich kann es kaum erwarten herauszufinden, welche Gemeinsamkeiten er mit einem RS6 hat. Ich wette, sie sind einander näher, als man denkt.“
Ist der 911 das Auto, mit dem Sie bei Ihrem Umzug in die Schweiz gefahren sind?
JW: „Ja. Lola, mein Hund, kam mit mir. Sie hat wahrscheinlich einen grösseren Instagram-Account als ich. Wir hatten eine grossartige Fahrt dorthin. Mitten in einem Schneesturm fielen die Scheibenwischer aus, und all die Dinge, die man bei einem 58 Jahre alten Auto erwartet, passierten. Aber es war eine unvergessliche Reise. Und wissen Sie was? Für mich war es ein Übergang – das Vereinigte Königreich zu verlassen und in die Schweiz zu fahren. Das bedeutete mir viel mehr, als zu fliegen.“
Sie sind schon lange in der Formel 1. Der Sport hat sich seit Ihrem Einstieg stark verändert …
JW: „Ich begann in diesem Geschäft als Mechaniker, und 1991 war ich zum ersten Mal in New York. Hätte mir damals jemand gesagt, es würde einen Formel-1-Film geben und ich würde auf einem roten Teppich am Times Square stehen, hätte ich das nicht einmal für vorstellbar gehalten. Also ja, es ist aufregend. Und Audis Einstieg in den Sport ist, seien wir ehrlich, eine grossartige Marke und eine grossartige neue Geschichte für die Formel 1.“
Und wie lautet der Plan jetzt?
JW: „Rennen gewinnen, Weltmeisterschaften gewinnen. Wir machen keine halben Sachen. Ich bin nicht dorthin gezogen, weil ich an einem See leben möchte. Ich bin in die Schweiz gezogen, weil ich Teil dieser Transformationsreise zu Audi F1 sein will.“






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