Der neue Porsche 911 Turbo erfüllt alle Erwartungen. Damit ist er derzeit der zugänglichste Supersportwagen der Welt.
Porsche 911 Turbo: Leistung und Allradantrieb
Das ist wörtlich gemeint: Der Turbo ist nicht unbedingt der Schnellste. Mit seinem 3,6-Liter-Sechszylinder-Boxermotor und zwei Turboladern, 487 PS, einem Sprint auf 100 km/h in weniger als vier Sekunden und 304 km/h Spitze ist er aber keineswegs langsam. Gemeint ist vielmehr, dass dieses Auto unabhängig davon, wer am Steuer sitzt, wie ein Superheld über die Straße stürmen kann. Gerade das macht es noch beeindruckender.
Ein neuer elektronischer Allradantrieb nutzt die Kraft der beiden neuen Turbolader mit variabler Turbinengeometrie optimal aus. Er verteilt das Drehmoment zwischen den Achsen und sorgt für einen nahtlosen Vortrieb, bei dem unzählige elektronische Helfer dafür sorgen, dass man so schnell beschleunigt, wie es ein Mensch allein kaum zustande brächte.
Das lässt es im Kopf regelrecht prickeln. Umso bemerkenswerter ist, wie gut das Auto abgestimmt ist: Selbst wenn alle elektronischen Helfer abgeschaltet sind, drehen die Räder kaum durch, bevor der Turbo den Horizont mit einem einzigen kräftigen Schluck verschlingt.
Fahrwerk und Sportmodus
Unterwegs muss man sich zunächst mit einem hakeligen Getriebe anfreunden, das sich wie eine kräftigere Version der Handschaltung im VW Golf GTI anfühlt. Dafür federt der Wagen erstaunlich geschmeidig. Der Turbo bleibt zwar straff abgestimmt, doch auf beschädigten Straßen werden kürzere Unebenheiten hervorragend gedämpft.
Dass die Abstimmung im „Standard“-Modus so geschmeidig ausfallen kann, liegt an weiteren Kniffen, die der Porsche für eine schnellere Gangart bereithält. Ein Druck auf die PASM-Taste genügt, und die verstellbaren elektronischen Dämpfer pressen das Auto spürbar stärker auf die Straße. Die Lenkung wirkt direkter, während sowohl die Seitenneigung als auch das anfängliche Untersteuern abnehmen.
Wer das volle Programm möchte, drückt die „Sport“-Taste und erhält ein Paket für die Rennstrecke: weniger Eingriffe der Traktionskontrolle, eine höhere Eingriffsschwelle des ABS, schnelleres Ansprechen aufs Gas und einen direkteren Auspuffklang. Dafür bekommt man auch Bodenwellen deutlicher zu spüren, die zuvor nicht einmal am Gesäß angekommen sind. Gleichzeitig gibt es mehr Rückmeldung, mehr Nachdruck und mehr Nervenkitzel.
Kurvenverhalten und Klang
An dieser Stelle zeigt der Turbo ganz leichte Schwächen. Ein unmittelbar packendes Fahrerlebnis bietet er ebenso wenig wie besonders viel Emotionalität. Übersteuern etwa lässt sich ihm praktisch nicht entlocken, weil das schlicht nicht der schnellste Weg durch eine Kurve ist. Das ist bewundernswert und zugleich ein wenig ärgerlich.
Bei niedriger Geschwindigkeit kann man zwar grobe Bewegungen provozieren, doch die Differenziale arbeiten so clever, dass sich der Wagen kaum zum Imponieren eignet. Er fährt bemerkenswert unspektakulär um Kurven und kaschiert damit, wie kompromisslos schnell er tatsächlich ist.
Wie bei allen Turbo-Modellen bleibt auch der Klang etwas gedämpft. Dadurch hört sich das Auto schlicht nicht so schnell an, wie es ist. Da Menschen sich stark auf ihre Sinne verlassen, wirkt ein Auto an der Spitze mindestens 32 km/h schneller, wenn es auch schnell klingt – man frage nur jemanden, der einen Saxo fährt. Bei Vollgas scheint der Motor seinen Klang eher loswerden zu wollen, als ihn auszukosten. Er singt nicht, sondern atmet lediglich aus.
All das lässt den Turbo eher wie ein Raumschiff als wie einen Rennwagen wirken. Eine kurze Fahrt über eine Landstraße mit Walter Röhrl, einem meiner großen Vorbilder, zeigte mir, dass der Turbo scheinbar mühelos zum Wahnsinn höchster Güte fähig ist: mit 222 km/h auf einer einspurigen Straße durch eine Kurve über eine unübersichtliche Kuppe. Ja, die Straße war gesperrt – und trotzdem zitterte ich wie Espenlaub.
Mit einem Turbo kämpft man nicht, man ringt nicht mit ihm und muss ihn auch nicht zähmen. Man richtet ihn einfach auf den Ort aus, an dem man sein möchte, und teleportiert sich dorthin, begleitet von einem lang gezogenen „Aaaaaaarrrrrrggggghhh...“.
Wer weiß, was er tut, dem reißt er den Kopf ab; wer es nicht weiß, dem zieht er bereitwillig die Ohren lang. Dieses Auto ist unglaublich beeindruckend. Doch das ganz große Superlativ-Gefühl fehlt ihm irgendwie.
Müsste man jeden Tag ein so schnelles Auto fahren, gäbe es keine andere Wahl. Als Genussauto für Sonn- und Feiertage gibt es allerdings Fahrzeuge, die stärker das Herz als den Verstand bewegen.






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